Klöster in Rheinhessen

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Historische Entwicklung

Franz Staab[Anm. 1]. vermutet, dass eine kleine Krypta des frühen 12. Jahrhunderts in der Nähe der heutigen katholischen Kirche von Elsheim vielleicht zur ersten Kirche des Klosters Ingelheimerhausen gehört hat, bevor der Konvent zur Rodung auf die Hochfläche zwischen Wackernheim und Ober-Ingelheim umgezogen ist. In Elsheim verfügten die Augustinerinnen nämlich über ausgedehnte Liegenschaften sowie über den oberhalb von Elsheim gelegenen Windhäuser Hof. Wie dieser gehörte auch Ingelheimerhausen von der Lage her zu größeren Waldgebieten am Rand des Ingelheimer Reiches, die im frühen Mittelalter noch nicht unter den Pflug genommen waren. Möglicherweise hat also Ingelheimerhausen hier im 12. Jahrhundert die Initiative ergriffen und Rodungen angelegt.
Jedenfalls siedelten sich in der Mitte des 12. Jahrhunderts an einer Wegkreuzung in der Ingelheimer Heide Augustiner-Chorherren und -Chorfrauen an. Die erste urkundliche Erwähnung datiert vom Jahr 1177. Der Doppelkonvent bestand rund ein Jahrhundert. Ab 1276 sind nur noch Augustiner-Chorfrauen in Husen (ab 1319 Ingelheimerhusen) belegt. Im 15. Jahrhundert verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der Schwestern offenbar so dramatisch[Anm. 2], dass sie das Kloster um das Jahr 1439 aufgeben mussten[Anm. 3].  Den Platz der Augustiner-Chorfrauen nahmen Karmelitermönche aus Mainz ein[Anm. 4]. 1440 erlangte der Mainzer Erzbischof Dietrich Schenk von Erbach die Zustimmung des Pfalzgrafen Otto von Pfalz-Mosbach zu diesem Wechsel. 1448 Bestätigte der Kurfürst Ludwig IV. von der Pfalz diese Entscheidung seines Vormunds.
Die Leitung der neuen Mönchsgemeinschaft übernahm der frühere Mainzer Prior Heinrich von Wallau. Es findet sich in den spärlichen Quellen kein Hinweis, wie viele Mitbrüder ihm aus der Domstadt nach Ingelheimerhausen folgten. Ob es wirklich zur Ausbildung einer funktionierenden Klostergemeinschaft der Karmeliter gekommen ist, muss angesichts der schwierigen Überlieferungslage offen bleiben. Zumindest im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts lag die Leitung nicht mehr in den Händen von Prioren, sondern von Prokuratoren. Dazwischen lagen immer  wieder Phasen, in denen das Haus direkt dem jeweiligen Provinzial unterstellt wurde (1503/1504, 1527, 1529/1530, 1535)[Anm. 5].
Wahrscheinlich hat sich die Ingelheimer Gemeinschaft nie völlig aus der Abhängigkeit von Mainz lösen können. Vielleicht war auch nie daran gedacht gewesen, in Ingelheimerhausen einen eigenständigen Karmeliterkonvent zu etablieren. Möglicherweise wollten die Mainzer Karmeliter nur die Bewirtschaftung des nicht ganz unbeträchtlichen Grundbesitzes um Ingelheimerhausen [Anm. 6] und die Seelsorge vor Ort sichergestellt wissen[Anm. 7], zumal das Augustinerchorfrauenstift erloschen zu sein scheint.
Während in der Literatur immer wieder die Rede davon ist, dass der Provinzial Dietrich von Gouda 1536 als Verkäufer der Ingelheimer Besitzungen aufgetreten sei, finden sich in den Akten zur Lehnsmutung des Haxthäuser Hofs (1763-1777) nur Hinweise auf einen Verkauf der Besitzungen an den kurpfälzischen Kammermeister Damian und dessen Bruder Kaspar von Katzenelnbogen durch den Prior und Konvent von Mainz. Bestätigt wurde diese Verkaufshandlung durch den Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg und den Generalprior des Karmeliterordens Nikolaus. Der Provinzial begründete in einem Brief die Aufgabe der Kommunität in Ingelheimerhausen mit deren Übertritt zum reformatorischen Bekenntnis[Anm. 8]. Vielleicht hatte sich aber auch das Mainzer "Mutterkloster" dazu entschlossen, angesichts der personellen Engpässe in der Ordensprovinz die Bewirtschaftung der Ingelheimer Besitzungen aufzugeben.
Laut den im Mainzer Klosterarchiv im Jahre 1772 vorliegenden Unterlagen umfasste der Grundbesitz der "behausung und hoff genannt Ingelheimer Husen" zum Zeitpunkt des Verkaufs rund 505 Morgen Ackerland, 350 Morgen Wald sowie einen weiteren Hof in Nieder-Ingelheim mit 25 Morgen Ackerland, 15 Morgen Weinbergen, 45 Morgen Wiesenfläche sowie einen weiteren Garften und Geld- und Weinzinsen. Der einzige Hinweis auf die sakrale Funktion von Ingelheimerhausen ist die Erwähnung der "Kirch oder Cappel", der Begriff Kloster fällt indes nicht. Dem Kaufvertrag zufolge hatten die Käufer für den Erhalt der Kirche resp. Kapelle zu sorgen und den Karmelitern das Recht einzuräumen, jede Woche dort eine Messe lesen zu können. Wichtige Festtage, insbesondere das Fest des Hl. Bartholomäus, sollten mit Messen und Prozessionen begangen werden. Den Karmelitern standen bei solchen Anlässen Kost und Logis frei.

Im Erbgang gelangte das Gut, das die Gebrüder Knebel von Katzenelnbogen dem pfälzischen Kurfürsten zu Lehen aufgetragen hatten, zunächst an die Familien von Rodenstein resp. Kamptz von Godau, ehe es schließlich in den Besitz der von Haxthausen gelangte, deren Namen der Hof heute noch trägt. Im Gefolge der französischen Revolutionskriege verloren die Freiherren von Haxthausen ihren Ingelheimer Besitz. Von da an diente die Anlage lange Zeit als Steinbruch. Heute befindet sich auf dem Gelände ein Bio-Bauernhof.

Anmerkungen:

  1. Orte der Verbandsgemeinde, S. 87f. Zurück
  2. Am 24. März 1367 sehen sich Meisterin Petrissa, Priorin Greda und der Konvent des Augustinerinnenklosters Ingelheimerhausen "umb sunderliche notdurft, die uns und ... unser closter ... rurte ... von ... verderplicher schulde wegen, da wir in gevallen waren, der wir anders nit ledig mochten werden" 30 Malter jährlicher Korngült und 12 Pfund Heller Ewiggült. Als Unterpfand für die Gülten setzen sie 400 Morgen "des aller besten ackers, der umb daz selb unser closter liget ... und uf unserm walde, der da heizzet der huser walt und auch by unserm closter gelegen ist" (genauere Angaben zur Überlieferung bei Reinhard Schmid, Die Abtei St. Alban vor Mainz im hohen und späten Mittelalter, Mainz 1996 (=Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz, 30), S.362) Zurück
  3. Zum folgenden vgl. insbes. StaatsA Darmstadt E 14 G Nr. 72/9 Zurück
  4. Neben den Augustinerchorfrauen kann keine weitere Frauengemeinschaft für Ingelheimerhausen nachgewiesen werden; vgl. dazu u.a. Martini, Carmel, S. 573; Kemler, Ingelheimerhausen, S. 102. Anders dagegen Wagner, Stifte, S. 237; Brilmayer, Rheinhessen, S. 234 und Heinrich Steitz, Die Reformation in Ingelheim, in: Ingelheim zwischen dem späten Mittelalter und der Gegenwart (=Beiträge zur Ingelheimer Geschichte 36), Ingelheim 1987, S. 51, die vermuten, dass Ende des 14. Jahrhunderts eine Karmeliterinnenkommunität den Platz der Augustinerchorfrauen eingenommen habe  Zurück
  5. StadtA Frankfurt, Karmeliterbuch Nr. 44, Bl. 20(23) u.ö. Zurück
  6. Schike/Schönherr, Kirchen, S. 44 gehen davon aus, dass die Karmeliter die Besitzungen nicht selbst bewirtschaftet haben Zurück
  7. So auch Martini, Carmel, S. 573; Emmerling, Ingelheimer Grund, S. 88 Zurück
  8. Joachim Smet, Ulrich Dobhan, Die Karmeliten. Eine Geschichte der Brüder U. L. Frau vom Berge Karmel. Von den Anfängen (ca. 1200) bis zum Konzil von Trient. Freiburg/Basel/Wien 1981, S. 310 Zurück

Empfohlene Zitierweise

Monika Storm; Reinhard Schmid: Ingelheimerhausen. Historische Entwicklung. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/rheinhessen/ingelheimerhausen/historische-entwicklung.html> (Letzter Aufruf: 20.05.19)