Klöster in Rheinhessen

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Bau- und Kunstgeschichte Altmünsterkloster Mainz

0.1.Kirche

Die frühere Kirche lag etwa 100 m nördlich der heutigen Altmünsterkirche (Binger Str. / Münsterstr., Bilhildisstr., Zeybachstr./ Hintere Bleiche) Sie war wahrscheinlich ein einschiffiger Bau aus gotischer Zeit, gekrönt von einem Dachreiter. Im Osten besaß sie einen polygonen Chorschluss. Südlich schloss sich der Kreuzgang an. In einem Codex aus dem 12. Jahrhundert (Dresdener Codex) werden sechs Altäre genannt (Marienaltar, Johannesaltar, Michaelsaltar, Katharinenaltar, Nikolausaltar und Heiligkreuzaltar).
Auf dem Gebiet des Klosters gab es noch eine weitere kleine Kirche, St. Paul.
Der Grundstein zur neuen Kirche wurde 1656 gelegt. 1657 oder 1658 kam es zu einer Stockung des Baus, wie aus einem Reisetagebuch der Jesuitenpatres Daniel Papebrock und Gottfried Henschenius hervorgeht. Erst 1662 wurde, wie aus in einer Zinnkapsel gefundenen Dokumenten hervorgeht, das Turmdachwerk errichtet. 1663 war der Bau vollendet. Baumeister war der Kapuzinerpater Matthias von Saarburg (+ 1681) gewinnen können. Die Außenmaße der Kirche betrugen 45 m Länge, 12 (nach anderen Angaben 15) m Breite; sechs Gewölbejoche trugen den Saalbau, der zwei östliche Fassadentürme hatte. Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Turmhelme durch Mansardgauben ersetzt. Einen Dachreiter gab es ebenso wie bei der alten Kirche; (1817 entfernt). Eine Darstellung der Kirche findet sich auf der von Burkhard Zamel geschaffenen Bilhildisbüste in Veitshöchheim.
Von der Ausstattung des 17. Jahrhunderts ist wenig bekannt. Äbtissin Maria Fides Peetz ließ 1758 einen Hochaltar mit vier Seitenaltären errichten, der wegen seiner prachtvollen Ausstattung sogar die Aufmerksamkeit des Chronisten der Abtei St. Jakob (Mainz) auf sich zog. Als 1808 die Kirche dem gottesdienstlichen Gebrauch vorläufig entzogen wurden, wurden sechs Altäre abgebrochen. Der Hochaltar mit seinem Altarbild von Maulbertsch wurde nach St. Emmeran verbracht. Seit 1966 befindet es sich in die Mainzer Pfarrkirche St. Quintin. Der kostbare Drehtabernakel befindet sich heute im Dom- und Diözesanmuseum in Mainz.
Das Landesmuseum Mainz besitzt den Marmorepitaph der 1767 verstorbenen Äbtissin Rommerßkirchen.
Die barocke Kommunionbank kam nach Untersuchungen von O. Böcher in die Kirche nach Heidesheim.
Dem Altmünsterkloster zugeordnet wird auch der 1501 geschaffene Sippenteppich, der die Wurzel Jesse, („Hl.Sippe“) darstellt und der 1844 dem Dom gestiftet worden ist.
Eventuell stammte das später in die Kirche von Appenheim verbrachtes Gemälde (Putten tragen das Schweißtuch durch die Luft) ebenfalls aus dem Altmünsterkloster.
Fußbodenfliesen aus der alten Kirche wurden bei Renovierungsarbeiten in der heutigen, nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Kirche, 1990/92 gefunden wurden.
Noch vorhanden sind in der heutigen Kirche sodann römische Inschriften.

0.2.Reliquien

Das bei der Auflösung des Klosters (1781) gefertigte Inventars, weist eine Vielzahl von Reliquien nach. Neben 12 Sammelreliquiaren (sog. „Pyramiden“) besaß das Kloster mehrere Einzelreliquiare. Einen hervorragenden Platz nahm das Bilhildiseliquiar ein, eine lebensgroße Statue, in deren Brust Reliquien mit Perlen gefasst eingelegt waren. Vor allem im Barock wurde die Verehrung der Heiligen mit besonderer Feierlichkeit begangen. Weiter gab es ein kostbar geschmücktes Kopfreliquiar und einen Reliquienkasten, die gleichfalls Reliquien der hl. Bilhildis bargen.
Das erhaltene Sammelreliquiar, das neben anderen Reliquien die Schädelreliquie der hl. Bilhildis beinhaltet, wurde 1991 wissenschaftlich begutachtet. Die mit modernen Methoden durchgeführte anthropologische Untersuchung ergab, dass der Schädel von einer Person stammt, die wenigstens 60 Jahre alt war und die Mitglied der sozialen Oberschicht war, worauf die Länge des Schädels hinweist. Die anthropologischen Ergebnisse passen zur Gründungsgeschichte des Klosters.
Eine weitere wertvolle Reliquie war das Schweißtuch, dessen Verehrung seit dem 15. Jahrhundert nachgewiesen ist. Nach der Klosteraufhebung gelangte die Reliquie zunächst ins Weißfrauenkloster; von dort 1802 nach St. Emmeran (Mainz) gebracht und von dort in Karmeliterkirche, später nach St. Peter (Mainz); heute befindet sie sich im Mainzer Dom.
Eine Kreuzreliquie in einem silbernen Kreuz (vor 1509, möglicherweise in Mainz gefertigt) befindet sich heute in Steinheim/Main, wo (1816-1843) Michael Pfeiffer als Pfarrer amtierte, dessen Vater bis 1781 bei Altmünster tätig gewesen war.

0.3.Schicksal von Kirche und Klostergebäuden nach der Klosteraufhebung

Pläne, in den Klostergebäuden ein Krankenhaus einzurichten oder sie als Bibliotheksgebäude zu nutzen, wurden nicht umgesetzt. 1784 hielt die gerade erst gegründete Hebammenlehranstalt (Accouchement) seinen Einzug; auch ein Labor und die Anatomie wurden dort nach Angaben des Adressbuches des Stadt Mainz (1801) untergebracht. Die Kirche wurde 1785 zunächst profaniert und die dort befindlichen Gräber beseitigt. 1793 wurde sie den Mönchen des Benediktinerklosters St. Jakob durch den Erzbischof zugewiesen, deren Kirche zerstört worden war. Nach der Auflösung des Benediktinerklosters (1802) diente die Kirche 1808-1895 als Militärhospital, danach, wiederhergestellt auf Kosten des Reiches, als Garnisonskirche. Zwischen 1918 und 1930 war die Altmünsterkirche katholische Garnisonskirche der französischen Besatzungstruppen (Ste. Jeanne d'Arc). Seit 1930 ist die Pfarrkiche der evangelischen Altmünstergemeinde.

Empfohlene Zitierweise

Rommel, Martina: Mainz - Altmünster. Bau- und Kunstgeschichte. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/rheinhessen/mainz-altmuenster/bau-und-kunstgeschichte.html> (Letzter Aufruf: 21.10.19)