Bau- und Kunstgeschichte

0.1.Kirche

Liebfrauen - Grundriss

Die inmitten von Weingärten liegende Liebfrauenkirche ist eine typische gotische Basilika mit Chorumgang und Doppelturmfassade.
In der Literatur findet sich als Datum des Baubeginns das Jahr 1276 genannt, was allerdings nach den neuesten Forschungen nicht zu halten ist. Der Baubeginn dürfte um das Jahr 1300, als bald nach der förmlichen Stiftsgründung liegen. Die architektonische Gestaltung der Kirche liefert nur „bedingt ... sicheres Datierungsmaterial“ (Glatz, S.375). Es kann anhand der Baustile aber nachgewiesen werden, dass man den Bau der Kirche im Westen statt üblicherweise im Osten begonnen hatte. Ältester Teil der Kirche sind damit die unteren Teile des Westbaus, die Turmgeschosse sowie das um 1310 entstandene Westportal und seine Vorhalle. Die erste Bauperiode endete um 1325.
Immer wieder kam es in diesem doch langen Zeitraum zu Unterbrechungen und Änderungen der Pläne. 1381 begann man  mit dem Bau des Chors. Details der Baugeschichte, namentlich für die erste Hälfte des 15.Jhs. liegen allerdings im Dunkel. Mitte des 15.Jhs. war die Kirche noch nicht vollendet. Der Mainzer Erzbischof Theodorisch von Erbach (1434/1459) gewährte 1453 auf den Zeitraum von sechs Jahren einen Ablass zum Zweck der Vollendung des Kirchenbaus
Das Stift beschloss nun, von der städtischen Erfahrung in Baumaßnahmen zu profitieren und stellte 1458 zwei städtische Baumeister ein. Es handelte sich bei ihnen um Finanzverwalter. Von ihnen wurde erwartet, dass sie die finanzielle Seite der Baumaßnahmen ebenso regeln sollten wie ihre Beschleunigung herbeizuführen. Beides gelang (Vgl. Bönnen, S.33 f.).

Liebfrauen - Innenraum

Die Bauinschrift über die Vollendung des Baus vom September 1465 ist ein „selbstbewußtes Zeichen“ (Bönnen, S.34) der Stadt für Engagement. Die Kirche war letztlich auch ein Repräsentationsbau (Vgl. Walter, S.60) für die Stadt und ihre Zünfte, die sich rege für ihre Fertigstellung eingesetzt hatten. Die Schluss-Steine der Gewölbebögen in den Seitenschiffen tragen Zunftwappen. (In den 60-er Jahren des 20.Jhs. wurden sie ergänzt um aktuelle Wappen).
Im Chorumgang findet sich das Wappen der Stadt. Allerdings ist unsicher, wann es dort angebracht wurde. In einem Rechtsstreit im Jahr 1519 wird es allerdings erwähnt.
Möglicherweise bestand - zumindest 1496 - ein Verfügungsrecht der Stadt über die Türme. Während der Zeit des Exils der Stiftsherren in Oppenheim (1499/1509) wurde die Kirche beraubt. Gestiftete Kleinodien kamen abhanden.
Schon knapp hundert Jahre nach der Fertigstellung der Kirche klagte man bereits über den schlechten baulichen Zustand des Gotteshauses. Eine Bauinschrift aus dem Jahr 1607 fand man 1967 am Nordturm: zu Beginn des 17.Jhs. waren also Renovierungsarbeiten vorgenommen worden. Starke Schäden erlitt die Kirche bei der Brandschatzung der Stadt am 31.5.1689. Wie die anderen Stifte begann auch das Liebfrauenstift erst zu Beginn des 18.Jhs. (1709/10) mit der Wiederherstellung des Gebäudes.
In den Mittelpunkt des Interesses rückte die Kirche erst wieder im 19.Jh. Der Pfarrer der Pfarrei St.Martin, auf deren Territorium die Kirche lag, Nikolaus Reuß (1848/1890) verstärkte ab 1848 die Bemühungen um den Erhalt der Kirche, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts vorgenommen wurden. So wurde der Vorhalle, die bei der Renovierung im 18.Jh. zweigeschossig gestaltet worden war, wieder die frühere eingeschossige Ausführung gegeben (166/67); 1882/83 wurde der südliche Turmhelm aufgesetzt. Weitere Restarurierungen erfolgten im 20.Jh. (Vgl. Glatz, S.383 f.).

Liebfrauenkirche - Westportal

Sehenswert ist das Westportal. Das Tympanon zeigt Tod und Krönung Mariens. Dargestellt ist auch Christus, begleitet von drei Engeln und das Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen. Zwei Konsolsteine zeigen hingegen weniger Heiliges: ein Junge, bekleidet mit einem Schurz, streckt dem Betrachter die Zunge heraus und ein Paar ist in einer Rauferei begriffen.
Reichen Schmuck trägt auch das Südportal, das zum Kreuzgang führte. Flankiert ist es von zwei auf Konsolen stehenden Figuren, die als St.Anna und ein König (oder Apostel?) gedeutet werden. Die Gestaltung der beiden Konsolen ist auffällig: die Blattmasken zeigen Gesichtszüge verschiedener Charaktere: die eher grimmigen eines schlecht gelaunten und reizbaren Menschen und das runde Gesicht eines Zufriedenen.
Die Konsolen der Gurtbögen im Chorumgang sind figürlich gestaltet und zweigen einen Steinmetzgesellen, einen Baumeister und einen Engel. Eine Mariendarstellung findet sich über dem Nordportal.

Chorgestühl Liebfrauenkirche Worms

Von der ursprünglichen Ausstattung ist durch die Zerstörungen im Pfälzer Erbfolgekrieg nur noch wenig erhalten. Das Marienbild (Gnadenbild) stammt aus dem 13.Jh.. Einst zierten es Schmuck und Kleidung. Während der kriegerischen Auseinandersetzungen wurde es 1689 nach Mainz in das dortige Kapuzinerkloster gebracht.
Um 1300 entstand die Darstellung des heiligen Königspaares Heinrich und Kunigunde.
Auf die Zeit um 1470/80 lässt sich die Darstellung des Heiligen Grabes datieren. Ebenfalls aus dem 15.Jh. stammt das Sakramentsthäuschen. Reich geschnitzt ist das Chorgestühl.

0.5.Konvents- und Stiftsgebäude

Das Liebfrauenstift verfügte über 12 sog. Kurien, d.h. Häuser der Kanoniker. Sie lagen rechts und links eines Weges in unmittelbarer Nähe des Stiftes (Jodukuskapelle - Pfarrkirche St.Amandus). 1689 wurden die Gebäude zerstört, als die Stadt Worms im Pfälzischen Erbfolgekrieg niedergebrannt wurde.
Einige Stiftshäuser aus der Barockzeit sind erhalten.

0.6.Glocken

In der Steuerliste des Gemeinen Pfennigs (1496) wird eigens ein Stiftsglöckner genannt.
Die Anschaffung von drei Glocken wird für 1602 überliefert. In einen Visitationsprotokoll (1718/19) ist davon die Rede, dass vor dem Stadtbrand zwei Glocken und eine Uhr vorhanden gewesen seien; die Glocken waren nicht geweiht.
Die Anschaffung von Glocken ist - nach den schweren Zerstörungen von 1689 - für 1705 bezeugt. Glockenweihen lassen sich urkundlich 1718, 1727 und 1760 belegen.
Ein neues drei Glocken umfassendes Geläute erhielt die Kirche im Jahr 1885.
Durch Maximilian Freiherr v. Heyl (1844-1924) erhielt die Liebfrauenkirche eine Glocke aus dem Jahr 1479 geschenkt. Der Zierrat auf dem Glockenmantel zeigt ein Pilgerzeichen, das auf die Wallfahrt nach Liebfrauen verweist.
Eine 1738 bezeugte Glocke wurde 1934 für die neue katholische Kirche in Worms-Leiselheim abgegeben. 1944 musste sie abgegeben werden und kam nicht wieder zurück.

0.7.Kirchenfenster

Die Fenster der Kirche stammen aus dem Jahr 1966 und wurden von Alois Plum (Mainz) geschaffen. Die neugotischen Fenster waren bei dem Explosionsunglück von Oppau (21.9.1921) zerstört worden, die 1922 geschaffenen im Zweiten Weltkrieg.

Empfohlene Zitierweise

Rommel, Martina: Worms - Liebfrauen. Bau- und Kunstgeschichte. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/rheinhessen/worms-liebfrauen/bau-und-kunstgeschichte.html> (Letzter Aufruf: 21.02.18)