Religiöses und spirituelles Wirken

0.1.Stellung im Pfarrverband

Inkorporiert war ab 1308 die Pfarrkirche Amandus. Die Kleriker des Stiftes nahmen geistliche Funktionen auch an anderen Kirchen wahr. Man blieb dabei nicht allein in der näheren Umgebung des Stiftes, sondern wirkte auch an Marienmünster (Zisterzienserinnenkloster), an der Pfarrkirche Caecilia sowie im Reuerinnenkloster. Interessant ist, dass all diese Wirkunsbereiche pastoraler Tätigkeit der Stiftsherren in den Randgebieten der Stadt Worms lagen.
Im Jahr 1630 fiel die seelsorgliche Tätigkeit an St.Amandus weg, die nun den Kapuzinern übertragen wurde.

Geistliche Tätigkeit

Zunächst werden in den Quellen noch dezidiert als Aufgaben der Stiftsherren Predigt, Beichte und Bestattung genannt, jene Bereiche geistlicher Tätigkeit, die auch und gerade den Ordensgmeinschaften  anvertraut wurden. Die Spendung der Sakamente waren grundsätzlich - nicht zuletzt wegen der damit verbundenen Stolgebühren - den Pfarrern vorbehalten. Die Stiftsherren waren in dieser Beziehung ähnlich wie die Mitglieder der Bettelmönche gestellt (Vgl. Walter).

0.2.Bruderschaften, Prozessionen, Wallfahrten

Grund für die Etablierung des Stiftes war nach den Worten der Gründungsurkunde eine Intensivierung der Verehrung der Heiligen und das geistliche Wachstum der Kirche. Wohl ganz bewusst wurde daher die Gründung des Stiftes am Vorabend des Allerheiligenfestes begangen. Die Stiftsherren sollten wegen ihrer primär geistlichen Funktion frei von weltlichen Verpflichtungen bleiben (Vgl. Walter). Ihre Aufgabe waren das Gebet. und die Fürbitte um den Schutz der Stadt auf die Fürsprache Mariens. Sehr rasch bildete sich in diesem stadtgeographischen Raum ein reges religiöses Leben aus. 1303 ist die Rede von einem Aufschwung des gottesdienstlichen und religiösen Lebens an der Stiftskirche.
Die Quellen berichten von einer steigenden Zahl von Gottesdiensten, wobei allerdings vom Umfang der Marienverehrung nichts überliefert ist.
Walter weist darauf hin, dass die Stadt am 25.März (Fest Mariä Verkündigung) in der Liebfrauenkirche eine Messe mit Predigt feiern ließ
Ein geschmücktes Marienbild als Ziel einer eigenen Wallfahrt wird erstmals 1499 genannt. Allerdings stammt das Gnadenbild aus der Zeit vor dem 13.Jh. und die Prozession war bereits in einer Quelle von 1495 als alte Gewohnheit bezeichnet worden.
Höhepunkt des religiösen und liturgischen Lebens an der Stiftskirche war die Prozession., bei der am Mittwoch nach Ostern Klerus und Volk mit dem Allerheiligsten vom Dom in die Liebfrauenkirche zogen.
Die Pilger kamen nicht nur aus der Stadt und ihrer Umgebung, sondern auch aus dem Elsaß, dem Naheraum und dem Maingebiet, vor allem aus dem Frankfurter Raum.
Ende des 15.Jh. wurde aber bereits Kritik an dieser Art der Frömmigkeit geübt, ohne dass die Wallfahrten jedoch beeinträchtigt wurden. Die Kritik kam dabei aus dem Klerus selbst. So äußerte der Frankfurter Geistliche Johannes Wolff 1478 Bedenken: es bestehe bei der Frömmigkeitsübung die Gefahr, dass die Hoffnung mehr auf die Heiligen gesetzt werde als auf Gott selbst.
Noch hielt man aber auch seitens des Rates an dem frommen Brauch fest. Im Jahr 1495 fand die Prozession sogar mit „prominenter“ Beteiligung statt. Da in Worms zum fraglichen Zeitpunkt der Reichstag stattfand, schlossen sich ihr Kaiser Maximilian und die anwesenden Fürsten an.
Die innere Bindung des Rates an die Prozession nach Liebfrauen ging sogar  so weit, dass er die Mitnahme des Gnadenbildes beim Auszug des Klerus aus der Stadt (1499, siehe Abschnitt Geschichlicher Abriss) als einen Versuch wertete, der Stadt einen überweltlichen Schutz zu entziehen. Und so gebot der Rat einem auswärtigen Priester, den Gottesdienst an der Liebfrauenkirche fortzusetzen. Auch die Abhaltung der Prozession wurde angeordnet. Hatte sich auch der Stiftsklerus aus der Stadt zurückgezogen und lag die Stadt unter Interdikt, so sollten sich dennoch die Pfarrer, Kapläne und Ordensleute ebenso wie die Gläubigen eifrig an der Prozession beteiligen.
Nach der Rückkehr der Geistlichen nach Worms ordnete der Bischof auf Bitten des Rates 1509 an, dass die Prozession wieder vom Dom nach Liebfrauen führen sollte.
In der Zeit der Reformation allerdings war die Marienwallfahrt in ihrem bisherigen Umfang durchaus gefährdet. In einem Schreiben an Papst Clemens VII (1523/34) klagte Bischof Reinhard von Rüppurr (1504/1523/33) über das Vordringen der lutherischen Lehre in Stadt und Bistum, das nicht mehr aufzuhalten war. Eigens nannte er dabei auch die Ablehnung der Marienverehrung. Nach 1527 war die mittlerweile lutherisch gewordene Stadt nicht mehr bereit, Baulasten an der Wallfahrtskirche zu übernehmen. Als dann 1565 das Gnadenbild vor einer drohenden Zerstörung durch die Calvinisten, die ja jeglichen Schmuck in den Kirchen ablehnten, in Sicherheit gebracht wurde, war die Prozession dorthin bereits erloschen oder wenigstens stark eingeschränkt.
Im 18.Jh. ist für den Ostermontag eine Prozession nach Liebfrauen nachgewiesen.
Der Wormser Weihbischof Johann Baptist Gegg 1664-1730)  bemühte sich 1718 im Zusammenhang mit der Visitation des Stiftes um eine Wiederbelebung marianischer Frömmigkeit. An sechs Marienfesten sollte künftig Gottesdienst mit Predigt gefeiert werden. An Sonn- und Feiertagen sollten die Stiftsherren nach dem Stundengebet der Vesper gemeinsam den Rosenkranz beten und Gebete vor dem Gnadenbild verrichten.
1724 wurde an der Liebfrauenkirche durch den Stiftsdekan die Marianische Liebesversammlung errichtet.
Der Charakter der Stiftskirche als Wallfahrtskirche machte sie im 17. und 18.Jh. auch zu einem beliebten Ort, die Ehe einzugehen. Die Brautleute stammten dabei nicht allein aus Worms, sondern auch aus der weiteren Umgebung.
Nach der Aufhebung des Stiftes erlosch die Marienwallfahrt, wurde aber 1928 wieder belebt.
Nach wie vor ist die Kirche auch Ziel der Valentinuswallfahrt.

0.3.Reliquien

Aus Kiedrich wurden 1875 Teile der Valentinusreliquien wieder nach Worms gebracht.

Empfohlene Zitierweise

Rommel, Martina: Worms - Liebfrauen. Religiöses und spirituelles Wirken. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/rheinhessen/worms-liebfrauen/religioeses-und-spirituelles-wirken.html> (Letzter Aufruf: 20.05.19)