Geschichtlicher Abriss

0.1.Kloster- und Stiftsgeschichte

Liebfrauenstift - Stich

Die Erhebung einer Klerikergemeinschaft zum Stift erfolgte am 31.10.1298. Die in diesem Jahr genannte Bezeichnung „vetus monasterium“ (Altes Münster) verlor sich bald und tauchte bis in das erste Drittel des 14.Jhs. lediglich noch in der Siegelumschrift auf.
Das Stift war außerhalb der Stadtmauer angesiedelt. Das vielfach in der Literatur  im Zusammenhang mit der Stiftsgründung und dem Kirchenbau genannte Gräberfeld lag relativ weit von der (jetzigen) Kirche und auch von der Pfarrkirche St.Amandus (Vgl. Bönnen, S.18). Es gibt auch nach Bönnen keinen schriftlichen Nachweis über die Existenz der immer wieder genannten Marienkapelle aus der Zeit vor dem 13.Jh.
Ein pastoraler Bedarf der Stiftsgründung bestand nach Walter nicht, da durch die Pfarreien St.Amandus und St.Remigius der Seelsorge in dem wenig besiedelten Gebiet vollauf Genüge geleistet wurde. Im geographischen Umfeld des Stiftes bestand allerdings ein kultisches Umfeld. Es bestand damals bereits ein 1283 in einem Testament erstmals urkundlich erwähntes Marienheiligtum. Die Besetzung dieser Marienkapelle war das Recht des Wormser Dompropstes. 1288 wurde die Amanduskirche erstmals als Pfarrkirche bezeichnet. Weiterhin bestanden - ebenfalls 1283 erstmals urkundlich erwähnt .die Kapelle St.Stephan mit einem Friedhof und die Kapelle St.Remigius. Nur spärlich bezeugt ist ein im gleichen Umfeld liegendes Spital.
Hauptinitiatoren der Stiftsgründung waren der Wormser Dompropst (spätere) Bischof Emicho Raugraf und sein Neffe Dompropst Heinrich v.Daun. Die Stiftung einer Kapelle mit 12 Präbenden zu Ehren Mariens geht, so jedenfalls berichtet die Chronik des Klosters Kirschgarten (Worms)  auf die Zeit vor 1293 zurück. Im Jahr 1298 verbesserte Bischof Emicho gemeinsam mit seinem Neffen diese Niederlassung. Die Stiftsgründung bedeutet in diesem Fall den Abschluss eines längeren Gründungsprozesses.
Das Liebfrauenstift unterschied sich damit von den übrigen Wormser Stiften, die alle auf bischöfliche Gründungen zurückgehen und damit auch in entsprechend enger Verbindung mit dem Bischof (und der kirchlichen Verwaltung) standen.
Im Jahr 1303 wurde das Liebfrauenstift in die societas capitulorum aufgenommen, einen Interessenverband der Wormser Stifter gegen mögliche Übergriffe von Laien in die Gerechtsamen dieser Gemeinschaften und unberechtigte städtische Rechtsansprüche. Mit der Aufnahme in diese Gemeinschaft war eine Gleichstellung des vor den Toren der Stadt liegenden Stiftes mit den innerstädtischen Stiften erfolgt. In der Hierarchie der Wormser Stifte rangierte das Liebfrauenstift im Mittelalter auf dem letzten Platz.
Als in der Auseinandersetzung zwischen Klerus und Volk 1499 der Wormser Klerus die Stadt verließ, begaben sich auch die Mitglieder des Liebfrauenstiftes an andere Orte. Nachgewiesen als Aufenthaltsort ist Oppenheim. In Worms starb allerdings 1502 ein Vikar, der im Stift geblieben war.
Hatte das liturgische Leben an der Stiftskirche, vor allem, die auch durch den Rat der Stadt geförderte Prozession (vgl. Abschnitt Prozessionen) eine Einheit stiftende Funktion zwischen Kirche und Stadt, so zerbrach diese ab 1521 mit dem Beginn der Reformation in Worms.
Der Stiftsherr Johann von Soergenloch gen. Genzfleisch, der 1522 noch als Prädikant am Liebfrauenstift genannt ist, wandte sich vor 1528 dem lutherischen Bekenntnis zu. Er starb 1562 (oder 1563) in Darmstadt.
Wie alle übrigen Dom- und Kollegiatstifte wurde auch das Liebfrauenstift 1802 aufgehoben.

0.2.Nachnutzung und späteres Schicksal

Liebfrauen - Historische Ansicht um 1900

Die Kirche wurde 1803 Pfarrkirche für die nur bis 1811 bestehende Vorstadtpfarrei St.Amandus. Nach Aufhebung der Pfarrei fiel die Kirche in die Vermögensmasse der Pfarrei St.Martin, zu der die Gläubigen der aufgehobenen Pfarrei nun gehörten.. Eine religiöse Nutzung der Liebfrauenkirche war nicht mehr vorgesehen. Sie wurde geschlossen und diente schließlich ab 1814 als Heumagazin.
Der Pfarrer der Pfarrei St.Martin, Franz Josef Judas Thaddäus Winterholler, der 1815 sein Amt angetreten hatte, nahm sich der Nutzung der Liebfrauenkirche engagiert an. Ohne Rücksprache mit der damals in Worms bestehenden kirchlichen Behörde, dem Provikariat, hielt er am 2.2.1816, dem Fest Purificatio Mariae (Reinigung Mariens, „Mariae Lichtmess“) in der Liebfrauenkirche einen feierlichen Gottesdienst ab. Der Mainzer Bischof Josef Ludwig Colmar untersagte dem Pfarrer allerdings jede weitere Abhaltung von Gottesdiensten mit der Begründung, dass eine durch höheren Akt geschlossene Kirche nicht durch einen Privatakt wieder eröffnet werden dürfe. Diese Entscheidung rief Protest bei den Wormser Katholiken aus. Der Protest hatte Erfolg; am 2.3.1816 erlaubte Colmar wieder die Abhaltung von Gottesdiensten in der Liebfrauenkirche.
Die Kirche blieb fortan wieder Ort des Gottesdienstes.
1898 wurde sie Pfarrkirche für die neu geschaffene Pfarrkuratie Worms Liebfrauen

Empfohlene Zitierweise

Rommel, Martina: Worms - Liebfrauen. Geschichtlicher Abriss. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/rheinhessen/worms-liebfrauen/geschichtlicher-abriss.html> (Letzter Aufruf: 16.12.18)