Die Johanniskirche - der alte Mainzer Dom?

Der Mainzer Erzbischof Willigis (975-1011) begann, im Gegensatz zu früher geäußerten Vermutungen, wahrscheinich doch erst in der zweiten Hälfte seines Pontifikats, mit dem Bau eines neuen, weitaus größeren und repräsentativeren Domes. Der westlich davon gelegene alte Dom, der nicht allzu lange zuvor unter seinem Vorgänger Hatto I. in einen guten baulichen Zustand versetzt worden war, wurde keineswegs abgetragen, sondern blieb stehen und wurde auch weiterhin genutzt. Seit langem beschäftigt sich die Forschung deshalb mit der Frage, ob es sich bei diesem alten Dom um die Johanniskirche handelt, jenes im Vergleich zum benachbarten "Domgebirge" relativ bescheidene "Kirchlein", welches seit 1828 evangelische Pfarrkirche ist. Angeregt wurden diese Diskussionen, die auch Fragen nach den durch den Willigis-Neubau notwendig gewordenen Funktionsänderungen und Patrozinienwechsel der drei zur "Kathedralgruppe" gehörenden Kirchen (Klerikerkirche, Taufkirche, Leutkirche) einbezogen [Anm. 1], durch verschiedene Nachrichten in den Quellen, die St. Johann mehrfach als "Aldeduom" o.ä. bezeichnen[Anm. 2].

Wie schon oft in der kirchlichen Baugeschichte brachten dann anstehende Sanierungsarbeiten in der Johanniskirche im Sommer 2013 nicht nur eine Antwort auf die Frage nach dem alten Dom, sondern noch weitaus spetakulärere Erkenntnisse.

Bei diesen Bauarbeiten stieß man zunächst auf zahlreiche Fußbodenniveaus unterschiedlicher Vorgängerbauten. Die daraufhin unternommenen archäologischen Grabungen nahmen immer größere Ausmaße an, bis schließlich die ganze Kirche und ihr unmittelbares Umfeld entkernt und aufgegraben waren. Auch die gesamte Orgelempore wurde abgebrochen und die große Förster&Nicolaus-Orgel, immerhin eines der Zentren Mainzer Kirchenmusik, wurde abgebaut und ab 2018 in der Klosterkirche von Ilsenburg wieder aufgebaut. Die Johanniskirchen-Gemeinde musste auf andere Kirchen ausweichen.

All dieser Aufwand und Verzicht wurden aber durch die Ergebnisse dieser Arbeiten entlohnt. Es ergab sich nämlich, dass es sich bei der Johanniskirche um einen der ältesten, sogar noch im aufgehenden Mauerwerk teilweise erhaltenen Kirchenbauten nördlich der Alpen und wohl auch wirklich um den alten Mainzer Dom handelt.

Allein die Zahl der bis Ende 2017 aus den verschiedenen Fußbodenschichten ans Tageslicht geförderten über 400.000 Fundstücke zeigt das Ausmaß und den Ertrag dieser Arbeiten.

Anmerkungen:

  1. Franz Staab, Mainz vom 5. Jahrhundert bis zum Tod des Erzbischofs Willigis, S.73 und 101 Zurück
  2. Freilich ist gerade diese Bezeichnung wenig stichhaltig, wie Ludwig Falck (Mainz im frühen und hohen Mittelalter, S.97 Anm.24) nachgewiesen hat, gibt es doch auch in Regensburg und Köln Kirche, die diesen Titel tragen, ohne jemals Kathedrale gewesen zu sein Zurück

Empfohlene Zitierweise

Reinhard Schmid: Mainz - St. Johannis. Die Johanniskirche - der alte Mainzer Dom?. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/rheinhessen/mainz-st-johannis/die-johanniskirche-der-alte-mainzer-dom.html> (Letzter Aufruf: 09.05.21)