Geschichtlicher Abriss

0.1.Stiftsgeschichte

Andreasstift - Stich

Nur wenige Urkunden liegen für die Frühzeit des Stiftes vor. Die Vorgeschichte eines vor den Toren der Stadt an der Stelle eines früheren Gräberfeldes gelegenen Andreasheiligtums liegt im Dunkeln. Sicher ist, dass sie bis ins Frühmittelalter zurückreicht. Auf dem westlich vor der Stadt gelegenen Andreasberg bestand eine Klerikergemeinschaft, über deren Verfassung nichts überliefert ist. Ihre historischen Wurzeln dürften in das 8.Jh. zurückreichen. Es ist damit das einige Wormser Stift, das seine Geschichte in die Zeit vor Bischof Burchard (1000/1025) zurückführt.
In einer Urkunde zugunsten des Wormser Frauenklosters Mariamünster (Nonnenmünster) ist 1016 die Rede von den fratres des Andreasstiftes. Weitere Angaben hinsichtlich der Klerikergemeinschaft finden sich zu diesem Zeitpunkt nicht. Auch in der Folgezeit wird sie nur selten genannt.
Unter Bischof Burchard von Worms (1000/1025) kam es zur Verlegung dieser Klerikergemeinschaft (um 1020). Dieser Akt dürfte den Beginn des Andeasstiftes bezeichnen. Die Verlegung westlichen Vorstadtbereich nach dem Süden und damit an die Peripherie der befestigten der Stadt zeigt, dass das Stift auch Teil der städtischen Verteidigung war.
Es wurde neu mit Besitz ausgestattet und ihm die schon seit dem 9.Jh. bestehende Kirche St.Magnus „in nicht genauer bekannter Form“ (Bönnen, S.38) zugewiesen.
Erst in einer Urkunde aus dem Jahr 1068 finden sich weitere Hinweise zur Entwicklung des Stiftes. Allerdings ist die Urkunde in ihrer vorliegenden Form eine spätere Fälschung aus dem 12.Jh.. Die darin beschriebenen Sachverhalte entsprechen dem Entwicklungsstand um 1140.
Erstmals urkundlich nachweisbar ist das Stift 1141.
In der Hierarchie der Wormser Stifte rangierte das Andreasstift im Mittelalter nach dem Domstift, dem in Neuhausen gelegenen Kollegiatstift Cyriacus und dem Kollegiatsstift St.Paul sowie vor den Kollegiatstiften St.Martin und Liebfrauen.
Über das Leben im Stift informiert eine Urkunde, die von Bischof Lupold von Scheinfeld (1196/1217) ausgestellt wurde..
Ende des 13.Jhs. befand sich das Stift in einer wirtschaftlich schlechten Lage. Als Gründe wurden genannt die Unfruchtbarkeit von Wingerten (durch lange Kälteperioden waren die Weinstöcke erfroren) und Äckern und kriegerische Auseinandersetzungen, während derer die Stiftsmühle durch Feinde Bischof Lupolds mehrfach zerstört worden war. . Die mangelnde finanzielle Ausstattung des Stiftes führte auch dazu, dass die Ämter im Stift nicht oder „nur noch mit Mühe“ (Keilmann, Bistum, S.64) besetzt werden konnten. Auch auf die Sorgfalt, mit der die Stiftsherren ihre Aufgaben wahrnahmen, hatte die wirtschaftliche Situation einen negativen Einflusss. Ob die Mahnung durch Bischof Lupold, die Dienste im Stift eifrig zu erfüllen, auf fruchtbaren Boden fiel, ist mangels Quellen nicht mehr zu klären.
Als 1499 der Klerus im Zusammenhang mit den Streitigkeiten zwischen Bürgerschaft und Geistlichkeit aus Protest die Stadt verließ, begaben sich die Stiftsherren des Andreasstiftes ebenso wie die Mitglieder des Domstiftes nach Ladenburg.
Am 21.12.1499 versammelten sich die Stiftsherren mit dem Ziel, sich neue Statuten zu schaffen bzw. die vorhandenen Statuten zu überarbeiten. Das Stift strebte damit in der Zeit des Exils nach einer inneren Festigung. Treibende Kraft  war wohl der Wormser Bishcof Johann von Dalberg (1482/1503), der die Statuten schon am Folgetag bestätigte.
Noch vor dem Reichstag in Worms (1521) wurde an der Magnuskirche, der Pfarrkirche des Stiftes, lutherisch gepredigt (Prediger Friedrich Baur). Einige Stiftsmitglieder wandten sich 1520-1523 der Reformation zu, darunter der Kantor Nikolaus Maurus und die Kanoniker Ulrich Sitzinger, Ulrich Preu genannt Schlaginhauf(f)en, seit 1520 Pfarrer an St.Magnus  und  der dortige Kaplan, Johannes Freiherr (Romanus). Nach Kammer begab sich der Kantor gemeinsam mit dem Prediger Friedrich Baur 1523 für mehrere Monate zu Studien nach Wittenberg (Vgl. Kammer, S.59). Von dort überbrachten sie im August 1523 das „Trostschreiben“ Luthers an die evangelischen Christen in Worms.
Ebenfalls 1523 ging der Stiftsherr Ulrich Sitzingen die  Ehe ein.
Nikolaus Maurus verzichtete am 25.8.1523 förmlich auf seine Pfründe, hielt sich aber weiterhin in Worms auf. Er verließ die Stadt 1524 und begab sich zunächst nach Weißenburg/Elsaß, später nach Darmstadt, Zwingenberg und Frankfurt, wo er jeweils als Pfarrer tätig war (+ 26.11.1539 in Frankfurt).
Nach Kammer taufte Sitzinger im Auftrag des Rates sowohl in Privathäusern als auch in der zum evangelischen Gottesdienst genutztem Franziskanerkirche. Im Januar 1527 reichten der Dekan und das Andreasstift eine Klageschrift gegen Sitzinger beim Rat der Stadt Worms ein und forderten die Rückgabe der kirchlichen Güter, in deren Besitz sich die Stiftsherren, die sich der Reformation zugewandt hatten, noch immer befand. Namentlich genannt wurden Ulrich Preu, Ulrich Sitzinger, Johannes Rom (Freiherr), Nikolaus Maurus( dessen Pfründe sich damals im Besitz eines Wormser Bürgers befand) und Henrich Hilarius.
Preu, Hilarius und Freiherr (Romanus)verließen Worms wahrscheinlich 1527, denn ihre Namen tauchen im weiteren Verlauf des Prozesses nicht mehr auf (Kammer, S.63). Sitzinger blieb wohl in Worms, Das Amts des lutherischen Pfarrers übertrug der Rat allerdings Leonhard Brunner, da gegen Sitzinger das Gerichtsverfahren lief. Der Rechtsstreit kam schließlich vor das Reichskammergericht. Im März 1528 wurden die Angeklagten vorgeladen, um sich über die gegen sie erhobenen Klagen zu äußern.
Der Ausgang des Prozesses ist unbekannt. Die Akten enden 1529; wahrscheinlich wurde ein Vergleich zwischen den streitenden Parteien getroffen.
Insgesamt blieb das Stift freilich katholisch. Als das Kloster Schönau durch Ottheinrich unter kurpfälzische Verwaltung gestellt wurde, nahm Abt Wolfgang Cartheyser 1558 in der Bischofsstadt Worms Zuflucht. Er starb 1563 in Worms und fand in der Stiftskirche des Andreasstiftes seine letzte Ruhestätte.
Im Jahr 1612 trat der Scholaster des Stiftes, Hartmann Renner, zum Protestantismus über und verzichtete zugunsten der Universität Heidelberg auf sein Benefizium und das ihm zustehende Stiftshaus. Diese Vorgehensweise stand im Widerspruch zu den Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens.  Bischof Wilhelm von Effern (1604/1616) wandte sich sowohl an den Kaiserhof  als auch an geistliche Institutionen: die Prager Nuntiatur, die drei geistlichen Kurfürsten und sogar an den Papst.
1689 musste das Stift die Zerstörung der Stiftsgebäude hinnehmen.
Visitationen des Stiftes im 17.Jh. sind nachgewiesen für die Jahre 1656, 1664 und 1669.
Die Aufhebung des Stiftes erfolgte 1802.

0.2.Nachnutzung und späteres Schicksal

Gärten, Kirche und Kreuzgang des Stiftes wurden 1824 zur Versteigerung ausgeschrieben. Für den Preis von 3040 fl. ersteigerte der Wormser Bürgermeister Peter Josef Valckenberg die Kirche und Stiftsgebäude. Nach 1860 befanden sich die Gebäude im Besitz der Lederwerke Doerr und Reinhart, die sie als Lager nutzten.
Die Kirche diente als Getreidespeicher, auch war die städtische Mehlwaage dort aufgestellt.
Die Türöffnungen im nördlichen Seitenschiff dienten als Stellplatz für den städtischen Leichenwagen und die Feuerspritzen.
Nachdem feststand, dass die Pauluskirche wieder gottesdienstlichen Zwecken zugeführt werde und das Museum der Stadt sich nach einer neuen Bleibe umsehen musste, wurde zwischen 1927 und 1929 die Andreaskirche renoviert. Seit 1930 beherbergt sie das Museum der Stadt Worms.

Empfohlene Zitierweise

Rommel, Martina: Worms - St. Andreas. Geschichtlicher Abriss. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/rheinhessen/worms-st-andreas/geschichtlicher-abriss.html> (Letzter Aufruf: 23.01.19)