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Geschichtlicher Abriss St. Martin (Worms)

Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Stift um eine bischöfliche Gründung. Die Gründung als solche und damit das Gründungsjahr sind nicht urkundlich belegt.
Die Gründertradition des Stiftes berief sich, nicht zuletzt auch für seine seit dem 15. Jahrhundert übliche Bezeichnung als „kaiserliches Kollegiatstift“ auf eine angeblich vom 13.9.991 stammende, in Rom entstandene Urkunde Ottos III. (983/1002).
Betrachtet man allerdings den Inhalt der Urkunde, zeigt sich dass das Jahr 991 nicht das Jahr der Ausstellung sein kann. Der Zeitpunkt kann frühestens das Jahr 996 sein. Die Urkunde ist eine Fälschung, die in die Zeit um die Mitte des 12. Jahrhundert datiert werden muss. Wahrscheinlich sollten durch diese Rückdatierung länger bestehende Rechtsansprüche unterstrichen werden; die Nennung des Namens des Kaisers Otto III. sollte eine höhere Autorität verleihen.
Die Urkunde wurde mehrfach durch Schutzbriefe bestätigt (1196, 1294, 1.8.1521, 3.4.1629).
Ein erster zuverlässiger Hinweis auf das Bestehen des Stiftes findet sich in einer Schenkungsurkunde Bischof Burchards von Worms (1000/1025) vom 29.6.1016 zugunsten des Klosters Mariamünster. Dort werden als Zeugen dieses Rechtsaktes unter anderem Stiftsherren des Martinsstiftes erwähnt. In der Vita Burchards von Worms ist die Rede davon, dass er ein monasterium zu Ehren des hl. Martin geweiht habe, das allerdings nicht zu seinen Lebzeiten vollendet worden sei. Der Begriff monasterium konnte im damaligen Sprachgebrauch sowohl eine Kirche als auch Stiftsgebäude bezeichnen. Es wird nicht eindeutig ersichtlich, ob Burchard auch Gründer dieses monasteriums gewesen ist oder ein bereits früher begonnenes Projekt weiterführte. Das Stift lag im Nordwesten der Stadt.
Zumindest im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts befand sich das Stift in einer wirtschaftlichen Krise. In der Bittschrift, durch die beim Papst um die Teilung des propsteilichen Besitzes nachsuchte, ist die Rede davon, dass durch verschiedene widrige Umstände das Stift verarmt sei: Kriege, Krankheiten und andere unverschuldete Heimsuchungen hatten, so die Beschreibung der Situation, das Vermögen so vermindert, dass das Stiftspersonal nicht mehr versorgt werden könne, ja die Einkünfte sogar nicht mehr für den Gottesdienst ausreichten.
Nachdem es 1498 zu Auseinandersetzungen zwischen der Wormser Bürgerschaft und dem Klerus gekommen war, verfügte am 10.9.1499 der Wormser Bischof, dass der Weltklerus die Stadt verlasse. Die Mitglieder des Martinsstiftes gingen nach Pfeddersheim, wo das Stift umfangreiches Gut besaß.
Wirtschaftlich schwere Zeiten durchlief das Stift auch während des Dreißigjährigen Krieges.
In Tagebuchaufzeichnungen hielt schließlich der Dekan, Peter Dorn, die Vorkommnisse und damit das Schicksal des Stiftes im Jahr 1689 fest. Als die Stadt im Pfälzischen Erbfolgekrieg niedergebrannt wurde, brannten auch die Stiftsgebäude, die Stiftskirche und die Pfarrkirche St. Lampertus nieder. Die Mitglieder des Stiftes lebten ab 1689 zunächst außerhalb der Stadt Worms an verschiedenen Orten, genannt werden Hochheim und Mainz.
Nach 1697 erfolgte der Wiederaufbau der Stiftsgebäude und der Kirche, auf den Wiederaufbau der Pfarrkirche wurde aus finanziellen Gründen verzichtet.
Während der Zeit der französischen Besetzung der Stadt Worms kam es 1794 zu Plünderungen; um die Summe aufzubringen, die als Kriegskontribution zu zahlen war, musste das Stift Darlehen bei wohlhabenden Wormser Bürgern aufnehmen.

Empfohlene Zitierweise

Rommel, Martina: Worms - St. Martin. Geschichtlicher Abriss. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/rheinhessen/worms-st-martin/geschichtlicher-abriss.html> (Letzter Aufruf: 19.07.19)