Bau- und Kunstgeschichte Stift St. Severus (Boppard)

0.1.Kirche

0.1.1.Die spätrömisch-merowingische Kirche

St.Severus - Rekonstruktion des frühchristlichen Vorgängerbaus[Bild: Michael Imhof]

Erbaut in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts an der Nordmauer des Römerkastells an der Stelle des durch Brand zerstörten Kastellbades. Ein Saal von 32 m Länge und 9 m Breite mit einer Apsis im Osten und einem Baptisterium im Westen. Spätestens in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts baulich leicht verändert.

0.1.2.Die Kirche des 10. Jahrhunderts

Von ihr wurden nur die Umfassungsmauern eines Rechtecksaals ohne Westabschluss gefunden. Möglicherweise war sie also kleiner als ihre Vorgängerin. Vielleicht bestanden neben diesem Bau auch schon die Michaels- und die Johanneskapelle, zwischen denen nach dem Bau der Türme und des Schiffs der spätromanische Chor errichtet wurde.

 

0.1.3.Die spätromanische, heute noch stehende Kirche

St.Severus - Grundriss[Bild: Michael Imhof]

Die heutige St. Severuskirche ist eine dreischiffige Emporenbasilika mit dreiseitigem Chorabschluss, die außen 45 m lang und 17 m breit ist. Geprägt wird das äußere Erscheinungsbild der Kirche vor allem durch die beiden reichgegliederten Türme zu beiden Seiten des Vorjochs im Ostchor. Sie gehören wohl zu den ältesten Teilen der Kirche und sind wahrscheinlich schon in der Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden. Im Nordturm gab es über der Sakristei ein ausgebautes Geschoß, wo, wie man einer Nachricht von 1514 entnehmen kann, die Kasse der Stadt Boppard mit dem Bargeld aufbewahrt wurde. Die Fertigstellung des Langhauses wird allgemein in die Zeit um 1225 datiert. Die Apsis, ein hoch aufragender und reich gegliederter Chor, entstand vor 1236. In diesem Jahr war der Bau spätestens vollendet, wie ein Bopparder Stadtsiegel zeigt. Als Kirchweihtag wird der  13. Dezember angegeben. Im Inneren ist besonders die Wölbung hervorzuheben, die „völlig singulär in der rheinischen Baukunst … als eine spitzbogige Längstonne angelegt und durch rundprofilierte Gurte abgeteilt ist“. (Klosterführer Rheinland, S. 165).

St. Severus - Deckengewölbe Langhaus[Bild: Horst Goebel]

Die Fertigstellung des Langhauses wird allgemein in die Zeit um 1225 datiert. Die Apsis, ein hoch aufragender und reich gegliederter Chor, entstand vor 1236. In diesem Jahr war der Bau spätestens vollendet, wie ein Bopparder Stadtsiegel zeigt. Als Kirchweihtag wird der  13. Dezember angegeben. Im Inneren ist besonders die Wölbung hervorzuheben, die „völlig singulär in der rheinischen Baukunst … als eine spitzbogige Längstonne angelegt und durch rundprofilierte Gurte abgeteilt ist“. (Klosterführer Rheinland, S. 165).

0.2.Bauausstattung

0.2.1.Kirchenfenster

Die Kirchenfenster im rechten Seitenschiff wurden von einer zeitgenössischen Künstlerin aus Boppard geschaffen, alle übrigen stammen aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

0.2.2.Gemälde

St. Severus - Wandmalerei Nordwand[Bild: Michael Imhof]

Die spätromanische Kirche erhielt eine Ausmalung, „die in ihrer Farbenfreude und Mannigfaltigkeit alles Vergleichbare am Mittelrhein übertrifft“ (Pauly, S. 11). Über der Empore des östlichen Jochs des nördlichen Seitenschiffs findet sich eine Darstellung des Lebens des Bischofs Severus von Ravenna, im südlichen Seitenschiff eine Darstellung des Martyriums der 10.000 Märtyrer sowie eine Darstellung von Christus als Weltenrichter.

0.2.3.Altäre und weitere Ausstattung

St.Severus - Triumphkreuz[Bild: Michael Imhof]

1681 gab es folgende Altäre:
im Chor St. Petrus und St. Severus, in der Krypta unter dem Chor: St. Jacobus und St. Agatha (profaniert), am Ostende des Schiffs vor dem Abgang  zur Krypta der Hl. Kreuz-Altar, der als Pfarraltar für die Bopparder Gemeinde diente, im südlichen Seitenschiff St. Stephanus, St. Barbara und St. Sebastian (dieser Altar mit seiner Vikarie wurde offensichtlich von der Stadt Boppard gestiftet, die auch das Präsentationsrecht ausübte), auf der Empore über dem südlichen Seitenschiff der Altar St. Nikolaus, auf der Empore über dem nördlichen Seitenschiff St. Agnes, St. Maria Magdalena (1681 profaniert), sowie im nördlichen Seitenschiff 10.000 Märtyrer, St. Matthias, St. Maria. Eine Krypta in stark veränderter Form ist erhalten. Pokalförmiger Taufstein des 18. Jahrhunderts. Beschreibung bei Pauly S. 14. Neben dem Hauptportal wurden auf dem Fußboden die Umrisse des Taufbeckens aus dem 5. Jh. markiert. Dieses war 1966 freigelegt worden und ist in einem Raum unterhalb des Kirchenbodens erhalten (Besichtigung nach Anmeldung möglich).

Das über dem Hauptaltar hängende spätromanische Triumphkreuz aus der Zeit um 1225/1230 zeigt Christus als Sieger über den Tod nicht mit der Dornenkrone, sondern mit einer Königskrone. Bemerkenswert auch die gleichfalls aus der Erbauungszeit der Kirche stammende Skulptur einer anmutsvoll lächelnden Madonna mit Kind und Lilienszepter.

0.2.4.Liturgisches Gerät

Turmmonstranz aus dem frühen 15. Jahrhundert, zwei Kelche aus dem 15. bzw. 16. Jahrhundert, ein silbernes Rauchgefäß aus dem 16. Jahrhundert sowie eine Kölner Monstranz aus dem 18. Jahrhundert.

0.2.5.Glocken

Vom mittelalterlichen Geläute haben sich fünf Glocken erhalten: die möglicherweise noch romanische, sog. Sterbeglocke, eine Glocke von 1247 („Mittagsglocke“), die „Brandglocke“ von 1379, die Ave-Maria – Glocke von 1379 sowie die Zehn-Uhr – Glocke (auch Hofglocke genannt) von 1439. Hinzu kamen die beiden 1738 gegossenen Glocken der Benediktinerinnenabtei Marienberg von Boppard, die nach der Säkularisation in die Severuskirche kamen. Die größere dieser beiden Glocken ist heute die größte überhaupt im Geläute der Kirche.

0.2.6.Orgeln

St. Severus - Ansicht nach Westen[Bild: Michael Imhof]

Auch wenn es in St. Severus sicher schon weitaus früher eine Orgel gegeben hat, erfährt man von einer solchen erst im Jahr 1771. In diesem Jahr bauten die Gebrüder Stumm aus Sulzbach im Hunsrück eine neue Orgel für die Kirche. Über ihr Schicksal scheint nichts bekannt zu sein, denn 1895 wurde eine neue Orgel mit 23 Registern von der Bonner Firma Johannes Klais angefertigt. Das heutige Instrument wurde 1973 von Alfred Führer (Wilhelmshaven) erbaut. Es verfügt über 26 Register auf zwei Manualen und Pedal (nach Christian Binz, Bacharach).

0.2.7.Inschriften

Siehe hierzu Susanne Kern (Bearb.), Die Inschriften der katholischen Pfarrkirche St. Severus in Boppard (=Inschriften Mittelrhein-Hunsrück, Heft 4. Hrsg. v.d. Akademie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz und dem Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V.), Mainz 2008.

0.3.Klausur- und Konventgebäude

In einem Stiftsplan aus der Mitte des 18. Jahrhunderts sind innerhalb des ummauerten Stiftsberings einige als frühere Wohnungen von Kanonikern bezeichnete Häuser eingezeichnet. In diesem Bering haben die Kurien gelegen, deren Zahl ursprünglich wahrscheinlich noch größer war als im 18. Jahrhundert.

0.4.Kapellen innerhalb und außerhalb der Anlagen

Doppelstöckige Kapelle St. Michael nördlich neben dem Chor der Kirche: eine 13,5 m lange und 8,5 m breite Pfeilerbasilika mit drei gleich breiten Schiffen und einer Halbkreisapsis in der Breite des Mittelschiffs. Dem im Jahre 1179 eingerichteten fünften Kanonikat wurde als  besondere Aufgabe der Gottesdienst in dieser Kapelle zugewiesen und zusätzlich musste eine tägliche Totenmesse für die unter der Kapelle ruhenden Christgläubigen gehalten werden. Das Untergeschoss, zu dem es einen Außeneingang gab, diente nämlich als Beinhaus. Die Baulast für das Dach der Michaelskapelle trug nach dem Visitationsbericht von 1681 die Stadt Boppard.
Kapelle St. Johannes an der Südseite des Chors. Angeblich standen hier Altäre Johannes des Täufers und Johannes des Evangelisten. Bei der Fundamentierung des Ostturms wurde ein Teil des Schiffs dieser Kapelle abgebrochen.
Zu den Vikarien und Altarpfründen siehe Pauly S. 59 – 65.

0.5.Friedhöfe und Grablegen

Grabstein[Bild: Brunhild Escherich]

Ca. 150 m südlich der Kirche befand sich ein frühchristliches Gräberfeld, welches außerhalb der römischen Kastellmauern gelegen hatte und dessen Grabinschriften wichtigen Aufschluss zur Frage der Kontinuität der christlichen Bevölkerung hier geben. Die Grabsteine, die von der zweiten Hälfte des 5. bis ins 8. Jahrhundert datieren, nennen Personen mit romanischen wie auch mit germanischen Namen. Offensichtlich wird durch sie eine Bevölkerungsgruppe greifbar, welche die „Verbindung zu einer christlichen Gemeinde der spätrömischen Zeit darstellte, die – wenn auch noch so klein – im Umkreis des Kastells wohnte und nach dem Abzug der Kastellbesatzung in ihrer Existenz nicht gefährdet war“ (Pauly, S. 9).

Empfohlene Zitierweise

Schmid, Reinhard: Boppard - Stift St. Severus. Bau- und Kunstgeschichte. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/mittelrhein-lahn-taunus/boppard-stift-st-severus/bau-und-kunstgeschichte.html> (Letzter Aufruf: 16.12.18)