Tätigkeit

Die Niederlassung bildete den „Grundstein für die endgültige Etablierung und Durchsetzung“[Anm. 1]des Reformprogramms Daniel Brendel von Homburgs. Dieses umfasste die Reform der Universität und den Aufbau eines Gymnasiums, die Vermehrung und Stärkung von Predigten in deutscher Sprache sowie die Exerzitienarbeit. Aufgabe der Jesuiten sollte es, so die Planungen 1561, sein, Unterricht in lateinischer und griechischer Grammatik und Rhetorik zu erteilen, ebenso als Prediger und Exerzitienmeister zu wirken. In Zukunft sollten die Jesuiten dann auch an der Artistenfakultät theologische Vorlesungen übernehmen.
Bereits wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Mainz nahmen die Jesuiten am 8./9.12.1561 ihren Lehrbetrieb in Mainz auf (Gymnasium).  Noch hatten sich allerdings  für eine Retorikklasse  „keine hinreichend gebildeten Schüler“[Anm. 2]gemeldet. Der dann erfolgende „Schülerandrang übertraf alle Erwartungen“[Anm. 3]. Innerhalb von drei Monaten stieg die Zahl der Schüler auf 300[Anm. 4]. Während der Pestepidemien (1564, 1571, 1576, 1606 und 1611) wurde das Kolleg geschlossen. Zur Zeit der schwedischen Besetzung der Stadt Mainz dienste es als lutherisches Gymnasium; 1637 wurde das Kolleg wieder eröffnet. Während der großen Pestepidemie 1666/7 erfolgte seine erneute temporäre Schließung.

Innerhalb und außerhalb der Bischofsstadt übernahmen Jesuiten in ca. 20 Pfarreien an den (Volks)Schulen katechetischen Unterricht, wobei im ländlichen Raum auch Novizen des Ordens Christenlehre erteilten. Im Jahr 1609 waren Jesuiten an 19 Schulen in Mainz und Umgebung tätig. Eine Besonderheit und charakteristisch für das pädagogische Konzept der Jesuiten war nicht nur die Wissensvermittlung und die religiöse Erziehung, sondern auch die Förderung des Schultheaters. Durch aufwändig inszenierte Theateraufführungen sollten die „Massen“ angesprochen werden; die Aufführungen wurden so zum „Vehikel“ der Vermittlung christlich-katholischer Lehrinhalte.

Ein wichtiger Wirkungskreis der Jesuiten war die Mainzer Universität. Peter Faber hielt vom 11.12.1542 bis August 1543 hier Vorlesungen. Ansätze einer Universitätsreform waren zunächst gescheitert und es zeichnete sich ein Niedergang der Universität. ab. Die Jesuiten sollten dem Lehrbetrieb eine neue Grundlage geben. Sie nahmen nach 1562 ihre Tätigkeit an der Uni auf und führten einen festen Studienplan ein. Bereits 1564 wurde ein Ordensmitglied zum Dekan der Universität gewählt, was darauf hindeutet, dass sich der Orden rasch integriert hatte und zu überzeugen vermochte. Die Neustrukturierung des Lehrangebotes durch die Jesuiten wurde „zum Maßstab der ganzen Universität“[Anm. 5]. Die Zahl der Studierenden stieg an. Das 17.Jh. bedeutete durchaus eine Blütezeit für das Mainzer Jesuitenkolleg, nicht aber für alle Fakultäten.
Allerdings gab es auch Konflikte und Klagen, ja sogar Spott, wie ein Spottgedicht auf Vitus Ebermann, SJ zeigt[Anm. 6] und den Vorwurf der Doppelzüngigkeit. Bezüglich der Rechte der Jesuiten an der Universität, ihrem Betragen gegenüber den Kollegen und der (angeblichen oder wirklichen) Bevorzugung kam es später (1581/8) allerdings zu Spannungen. Im 18.Jh. bezogen die Jesuiten eine kritische Position zur den aufklärerischen Strömungen in der Theologie.
Wichtig war Erzbischof Daniel Brendel von Homburg die Berufung der Jesuiten auch im Hinblick auf die Priesterausbildung. Er realisierte seinen Plan zur Gründung eines gemäß den Bestimmungen des Konzils von Trient organisierten Priesterseminars im Jahr 1568.

Tätig waren die Jesuiten neben ihrem Einsatz in der Lehre auch auf dem umfangreichen Gebiet der Seelsorge (auch im Mainzer Gefängnis), wobei der Schwerpunkt auf dem Predigtdienst und den vor allem im ländlichen Raum stattfindenden Volksmissionen lag. Nicht zuletzt im Rahmen der Rekatholisierung der Bergstraße war die Volksmission durch Jesuiten ein erfolgreiches Mittel[Anm. 7].
In der ihnen zum Gottesdienst zugewiesenen Kirche St.Christoph predigten sie nach dem Hochamt, am Nachmittag fand eine Katechese statt. Pastorale Tätigkeit der Jesuiten ist für die bei Mainz gelegenen Orte Drais, Kostheim, Bretzenheim und Weisenau nachzuweisen. Katechesen in weiter entfernten Orten wurden während des Krieges allerdings aufgegeben.
Bei Aushilfen in Pfarreien waren die Ordensleute, so A.Jendorff, auch „Kontrollinstanzen einer geregelten Seelsorge“[Anm. 8]durch den Gemeindepfarrer, was durchaus auch zu Kompetenzkonflikten führen konnte.

Zu Beginn des 17.Jhs. waren die Jesuiten beim Klerus in Mainz nicht unbedingt beliebt, da sie dessen Nachlässigkeiten durchaus tadelten.
Rektor Lambert Auer SJ predigte zu Beginn der Tätigkeit des Ordens in Mainz am 8.12.1561 „mit so großem Erfolg, daß den Jesuiten auch die Sonn-und Festtagespredigt im Stephansstift angeboten wurde“[Anm. 9]. Im ersten Viermonatsbericht wird auf die Predigttätigkeit der Ordensmitglieder an den Stiften St.Peter und St.Stefan verwiesen[Anm. 10].
Zwischen 1572 und 1600 nahmen Jesuiten das Amt des Dompredigers wahr. Im Jahr 1573 wurde den Jesuiten, so J.Pfeifer, angesichts geschehener Unwetterschäden die Bußpredigt übertragen. In der Urbani-Kapitelsitzung beklagte sich das Domkapitel, der Prediger schaffe Verbitterung. Die Klage war vergeblich.
Abermals äußerte das Domkapitel am 3.11.1575 Bedenken gegen die Übertragung des Predigeramtes an die Jesuiten[Anm. 11]. Zwei Jahre später beklagte das Domkapitel, dass wegen der Versetzung von Patres das Amt nicht kontinuierlich versehen sei, aber auch grundsätzlich hielt das Domkapitel fest: „Auch seien die Jesuiten dem Volke nit sonderlich anmutig[Anm. 12]. Ein Jahr später, 1578, allerdings zeigte man sich jetzt zufrieden mit dem Prediger, den der Orden dem Domkapitel zur Verfügung gestellt hatte. P.Johannes Michaelis, lobte man, versehe den Predigtdienst „ohne einigen Mangel“[Anm. 13]. Am 7.9.1585 beschloss das Kapitel sogar, dem Orden zu verbieten, Michaelis abzuberufen. Er versah sein Amt bis 1595. In seine Nachfolge trat P.Georg Stegleterius. In den Jahren 1637 und 1648 hielten Jesuiten im Dom die Fastenpredigten (Vgl. Egler).
Als Prediger fungierten die Jesuiten in Mainz auch am Heilig-Kreuz-Stift. Dazu kamen bis zum Zeitpunkt der Aufhebung des Ordens Predigten in Mainzer Frauenklöstern (St.Agnes, Reiche Klarissen, Welschnonnen und der „Englischen Fräulein“, deren Spiritualität ja ignatianisch ausgerichtet war. Ebenfalls als Prediger waren Jesuiten in den Hospitäler St.Alexis, St.Barbara, St.Katharina und St.Rochus und im Militärlazarett sowie in der Ölbergstiftung für Dienstboten und im Waisenhaus tätig.
A.Ph.Brück verweist darauf, dass der erste Rektor der Niederlassung, Auer, auch in Frankfurt und Aschaffenburg Fastenpredigten hielt.
M.Müller hebt hervor, dass die Ordensleute in der Stadt auch während der Pestepidemien in der Seelsorge tätig waren und sich der Kranken annahmen. Bei der letzten großen Pestwelle, die die Stadt trotz aller getroffenen Quarantänemaßnahmen ab Juli 1666 heimsuchte, hatte auch die Klostergemeinschaft der Jesuiten Opfer zu beklagen: der erste war am 5.7.1666 P. Dionys Atzenroth, „der die Kranken ohne Unterschied besucht hatte“[Anm. 14]; ihm folgten P. Valentin Walter (9.7.1666), der ebenfalls beim Ausbruch der Seuche um Verwendung im „Pestdienst“ gebeten hatte und Br. Georg  Betzold (9.7.1666), P.Johann Wilhelmi aus Verdun, der bereits einmal an der Pest erkrankt, aber genesen war (30.7.1666).  Es starben danach Br. Nikolaus Kirsing (21.8.1666) und Br. Michael Lechner (24.12.1666), er hatte „dringend verlangt, für den Pestdienst eingesetzt zu werden“[Anm. 15] und ihn über drei Monate hinweg verrichtet.  Ab Januar 1667 waren in der Stadt selbst keine Opfer der Seuche mehr zu beklagen, wohl aber im Umland. Die Gesamtzahl der Todesfälle in den Monaten Juli bis Dezember belief sich auf wenigstens 2300.

Die Tätigkeit des Ordens ist im 17.Jh. auch vor dem Hintergrund der Rekatholisierungsbestrebungen zu sehen. In der Zeit der schwedischen Besetzung der Stadt waren die Kirchen zum protestantischen Gottesdienst genutzt worden. Unter den kurfürstlichen Beamten waren nach 1648 auch Protestanten, die von Jesuiten zur Konversion bewegt wurden[Anm. 16]. Für den Zeitraum 1654-1660 nennt M.Müller die Zahl von insgesamt 1095 in Mainz verzeichneten Konversionen.

Ab 1612 war der Jesuit Reinhard Ziegler ( + 2.7.1636) auch als Beichtvater von Erzbischöfen tätig. Dazu trat, dass Ordensmitgliedern unterschiedliche Leitungspositionen in der kirchlichen Verwaltung übertragen wurden[Anm. 17].
Auf die Jesuiten zurück geht auch die Stiftung von Sodalitäten: als erste Marianische Kongregation wurde am 14.7.1577 die „akademische Schülersodalität“[Anm. 18] Beatissimae Mariae Virginis Deiparae ab angelo salutatis ins Leben gerufen; es folgten die Bürgesodalität (1609) und eine Sodalität der Handwerker (1616).
Durch den Orden kam es zur Belebung von Elementen der Volksfrömmigkeit (Wallfahrten, Bußprozessionen etc.). Im Mainzer Dom wurde nach A.Ph.Brück von den Jesuiten die Andacht von der Geburt Christi eingeführt. Die 1648 an der römischen Kirche Il Gesu durch den Jesuitengeneral Caraffa gegründete und später (1729) durch Papst Benedikt XIII (1724/1730) zur Erz- und Hauptkongregation erhobene Kongregation oder Bruderschaft vom guten Tode zu Ehren des am Kreuze sterbenden Heilandes und seiner schmerzensreichen Mutter („Todesangst-Bruderschaft“)  wurde 1654 von den Jesuiten auch in Mainz eingeführt. Die Einführung der Bruderschaft fällt in eine Zeit, in der die Frage nach dem Tod durch das Erleben und Erleiden von Krieg und Pest eine ganz eigene Dimension gewonnen hatte. Jeden zweiten Sonntag und an den Quatembersonntagen fand in der Jesuitenkirche die Bruderschaftsandacht statt. Hauptfest war der 5. Sonntag nach Ostern. Später wurde die Bruderschaft an den Dom transferiert.
Ein weiteres Feld des Wirkens des Ordens war die Exerzitienarbeit.

Nach der Aufhebung des Ordens erging mit Datum vom 18.9.1773 eine Verordnung des Generalvikariat, die den Gemeindepfarrern verbot, ehemalige Jesuiten zur Aushilfe heranzuziehen (Sakramentenspendung, insbesondere Bußsakrament, Predigten, Katechismusunterricht). Die Verordnung war strafbewehrt und drohte zuwiderhandelnden Pfarrern die Suspension an.

Anmerkungen:

  1. Jendorff, S. 418 Zurück
  2. Duhr 1, S. 105 Zurück
  3. Müller, S. 648 Zurück
  4. Vgl. Brück, Anfänge, S. 199 Zurück
  5. Jendorf, S. 423 Zurück
  6. Vgl. Herrmann Zurück
  7. Vgl. allgemein Veit; Pfeifer, S. 216 Zurück
  8. Jendorff, S. 428 Zurück
  9. Brück, Anfänge, S. 199 Zurück
  10. Vgl. Pfeifer, S. 212 Zurück
  11. vgl. Brück, Domprediger, S. 143 Zurück
  12. Brück, Domprediger, S. 144 Zurück
  13. Brück, Domprediger, S. 146 Zurück
  14. Duhr 3, S. 744 Zurück
  15. Duhr 3, S. 744 Zurück
  16. Vgl. Müller, S. 673 Zurück
  17. Vgl. Müller, S. 669 f. Zurück
  18. Müller, S. 675 Zurück

Empfohlene Zitierweise

Martina Rommel: Mainz - Jesuiten. Tätigkeit. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/rheinhessen/mainz-jesuiten/taetigkeit.html> (Letzter Aufruf: 21.07.19)