Geschichtlicher Abriss Kloster St. Michael (Mainz)

0.1.Gründung

Kartäuserkloster - Grundriss 1788/90

Am 21. Mai 1320 schenkte der Mainzer Erzbischof Peter von Aspelt (1306-1320) den Kartäusern zum Bau eines Klosters ein Grundstück an einem Ort im Rheingau, der bisher „nova domus“ hieß, nun aber nach dem Wunsch des Erzbischofs „Peterstal“ genannt werden sollte und der wahrscheinlich in der Nähe von Eltville lag. Aufgrund von Spannungen mit nicht näher bezeichneten Nachbarn baten die Mönche schon im Juli 1322 um Verlegung ihres Klosters an einen geeigneteren Ort. In ruhiger Lage vor den Mauern der Stadt Mainz, gegenüber der Mainmündung und unterhalb des Benediktinerklosters St. Alban, glaubten sie, einen solchen gefunden zu haben. Ihrem Wunsch wurde stattgegeben, wahrscheinlich noch 1323 siedelten sie um. Bald danach wurde mit dem Bau der Kirche begonnen, die am 30. März 1350 geweiht werden konnte.
Rektor des Gründungskonventes war Johann von Echternach (†1350) aus der Kartause Seitz in der Untersteiermark. Er war später auch an den Gründungen in Trier und Köln beteiligt, kehrte als Prior nach Mainz zurück (1342-48) und wirkte schließlich noch an der Gründung in Würzburg mit.
In einer noch original erhaltenen Urkunde des Jahres 1326 sprechen Frater Aymon d´Aost, Prior der Großen Kartause, und die Diffinitoren des Generalkapitels die Inkorporation des Hauses St. Michaelsberg bei Mainz aus.

0.2.Das 15. Jahrhundert als erste Blütezeit

Schnell erlebte die Kartause nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern in gleicher Weise auch einen geistigen Aufschwung. Das Vermögen zahlreicher in dieser Zeit eingetretener Adliger ermöglichte es, den Besitz beträchtlich auszuweiten. Fähige Mönche befruchteten sowohl das geistlich-asketische als auch das wissenschaftliche Leben, die Klosterbibliothek bekam bedeutenden Zuwachs. Zahlreiche Profeßmönche der Mainzer Kartause wurden als Prioren und Vikare vom Generalkapitel in andere Ordensniederlassungen berufen oder von anderen Konventen dazu gewählt; ohne Zweifel ein Indikator für die Höhe der Klosterzucht und die Verwirklichung des Kartäuserideals.

0.3.Zerstörung 1552 durch die Truppen des Markgrafen Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach

Diese Blüte nahm ein rapides Ende, als am 22. August 1552 die Soldaten des Markgrafen Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach das Kloster niederbrannten und zerstörten. Nur vier Zellen sollen außer dem Speicher und der Mühle verschont geblieben sein. Der Prior Vitus von Dulcken (1547-1553) fand mit einigen Mönchen Zuflucht im Mainzer Klosterhof „Zur Eiche“, der restliche Konvent wurde auf andere Ordenshäuser der Provinz verteilt. Der Wiederaufbau gestaltete sich schwierig, da als Folge der Türkensteuer nur wenig Kapital zur Verfügung stand. Unter Prior Matthias Kemmers (1553-56) konnten immerhin sechs Zellen wiederaufgebaut werden. In den 70er Jahren des 16. Jahrhunderts sollen kaum mehr als drei bis vier Mönche in der Kartause gelebt haben; mehr Mönche konnte man infolge der hohen Abgaben an den Papst angeblich nicht unterhalten. So konnte erst unter Prior Gobelinus (1589-1613) das Dach der nur notdürftig mit Stroh gedeckten Kirche wieder mit Ziegeln gedeckt und die zerstörten Gebäude wiederhergestellt werden. Bis zum Beginn des 30jährigen Krieges scheint es aber gelungen sein, die Verluste wieder auszugleichen, da Hypothekenschulden getilgt und kleinere Güterkäufe getätigt werden konnten.

0.4.Neue Belastungen im Dreißigjährigen Krieg

Kartäuserkloster - Gesamtanlage 1633

Bevor die Schweden im Dezember 1631 Mainz besetzten, hatten die Kartäuser ihr Kloster verlassen. Prior Jonas Meder war nach Köln geflüchtet, seine Konventualen hatte er in Klöster des Ordens nach Frankreich geschickt. Erst 1636 konnten sie zurückkehren. Die Klostergebäude waren glücklicherweise nicht beschädigt worden, doch der angerichtete sonstige Schaden war immens. In einem Bittgesuch an den Kurfürsten um Erlass der für die Jahre 1648/49 auferlegten Reichssteuer berichten die Mönche, sie hätten bei ihrer Rückkehr auf den Michaelsberg nicht einmal einen Löffel vorgefunden und wären so gezwungen gewesen, ein Kapital von 5000 fl. aufzunehmen. Ein später zu Köln inhaftierter Dr. Henchelin habe die Bibliothek aufbrechen lassen und einige Wagen, vollbeladen mit den wertvollsten Büchern, weggeführt. Die Lebensmittel für den Konvent seien nicht ausreichend, wenn sich auch der Ackerbau des Klosters ohne große Kosten durchführen lasse. Nur der Weinbau sei von Gott gesegnet und damit ernährten sie den ganzen Konvent, den sie sonst hätten vermindern müssen.
Zwar kam es allmählich wieder zu einer Konsolidierung, die durch den Pfälzischen Krieg aber wieder zunichte gemacht wurde. Während der Belagerung im Sommer 1689 suchten die Kartäuser Zuflucht in ihrem Klosterhof „Zur Eiche“ in der Stadt, den man seit 1640 eben zu diesem Zweck allmählich zu einem Häuserkomplex ausgebaut hatte und der 1684 neu erbaut worden war. Aus militärischen Gründen wurden die Klostermauern teilweise niedergerissen, die Klostergebäude selbst dienten als Quartier für Herzog Karl von Lothringen sowie die Kurfürsten von Sachsen und Bayern, samt ihrem Stab. Außerdem sollen etwa 500 000 Wingertspfähle verbrannt, die Felder verwüstet, die Trauben geraubt und die Weinstöcke von ungarischen Ochsen zertreten worden sein.

0.5.Neue Blüte im 18. Jahrhundert

Kartäuserkloster - Grundriss 1708

Nach all diesen Rückschlägen erlebte der Michaelsberg um die Mitte des 18. Jahrhunderts eine neue innere und äußere Blüte. Vorbereitet hatte sie der Prior Jodocus Schwab (1682-1712), der seit ungefähr 1675 als Prokurator die klösterliche Ökonomie geleitet und die Wirtschaft des Klosters nach den Nöten des 30jährigen Krieges zum Wohlstand geführt und damit die Voraussetzungen für seine künstlerische und geistige Entfaltung geschaffen hatte. Auf seinem Wirken konnte Prior Michael Welcken (1712-1753) aufbauen und in seinem über 40 Jahre dauernden Priorat die Kartause zu einer bedeutenden Höhe in künstlerischer und geistiger Hinsicht führen.
Nachdem die Klosterkirche hauptsächlich schon unter dem Priorat seines Vorgängers im Jahre 1701 vollendet worden war, ließ Welcken auch den Rest des Klosters in schönster barocker Weise ausgestalten. Wenn man Reiseberichten dieser Zeit glauben darf (einige abgedruckt bei F. Arens, Bau und Ausstattung der Mainzer Kartause, S. 75-83), gehörte die Kartause im 18. Jahrhundert zu den größten Sehenswürdigkeiten von Mainz. Welcken wird außerdem der Neubau von 22 Zellen zugeschrieben, die den großen Kreuzgang (Galilea maior) von drei Seiten umgaben. Berühmt und in jeder Reisebeschreibung erwähnt, war das 32-sitzige Chorgestühl, das Welcken in den Jahren 1723-26 in der Werkstatt von Johann Justus Schacht in Hamburg schnitzen ließ. Es bestand aus 32 Stallen mit Vorder- und Rückwänden. Nach der Aufhebung der Kartause 1781 wurde es nach Trier verkauft, wo sich große Teile davon heute im Dom befinden.

0.6.Aufhebung 1781

Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal (1774-1802) verfügte am 15. November 1781 die Aufhebung der wohlhabenden Kartause (der Wert ihres Klosterschatzes wurde bei der Aufhebung auf umgerechnet 178 Kilo Silber geschätzt), zusammen mit den Frauenklöstern Altmünster und Reichklara zugunsten des auch heute noch bestehenden Universitätsfonds. Von den nach dem Aufhebungstermin noch in der Kartause befindlichen 17 Chormönchen zogen es 10 vor, sich mit einer jährlichen Rente säkularisieren zu lassen, während der letzte Prior Norbert Neef mit den übrigen Mönchen in die Erfurter Kartause übersiedelte. Der Auszug der Kartäuser aus ihrem Kloster fand den Visitationsakten zufolge am 22. Oktober 1782 statt. Das Inventar der Kartause wurde hauptsächlich 1787 versteigert.

0.7.Nachnutzung und späteres Schicksal

Da die Universität vorerst nicht über die Klostergebäude verfügte, kaufte sie der Kurfürst 1788 für 83.000 fl. dem Universitätsfonds ab. Einen Teil der Gebäude (Kirche und Kreuzgang) ließ er schon 1791/92 niederreißen, den Rest vereinigte er mit seiner Favorite. Das Chorgestühl wurde nach Trier verkauft, drei Altäre, darunter den Hochaltar, kaufte die Abtei Seligenstadt.
Freilich konnte sich der Kurfürst nicht mehr seiner erweiterten Favorite erfreuen, da alle Bauvorhaben durch den Einfall der Franzosen am 21. Oktober 1792 zunichte gemacht wurden. Den schweren Zerstörungen der Folgezeit fielen nicht nur die Favorite, sondern auch die restlichen Klostergebäude zum Opfer, die seitdem vom Erdboden verschwunden sind.
In der Nähe des ehemaligen Klosters entstand um die Mitte des 19. Jahrhunderts das „Fort Kartaus“ als Teil der städtischen Festungsanlage. 1908 aufgelassen, entstand hier wenige Jahre später an der Göttelmannstrasse die Wohnanlage „Kartaus“ mit einem Brunnen, der mit dem Standbild eines Mönches an das Kloster St. Michael erinnert.

Empfohlene Zitierweise

Schmid, Reinhard: Mainz - St. Michael - Michaelsberg. Geschichtlicher Abriss. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/rheinhessen/mainz-st-michael-michaelsberg/geschichtlicher-abriss.html> (Letzter Aufruf: 21.07.19)