Bau- und Kunstgeschichte Stift Liebfrauen (Oberwesel)

0.1.Aufbau der Kirche und der Stiftsgebäude

0.1.1.Kirche

Liebfrauenkirche - Grundriss[Bild: Generaldirektion Kulturelles Erbe/Landesdenkm]

„Dreischiffige Basilika ohne Querschiff, aber mit einem nach innen verlagerten massiven Westturm in der Breite des Mittelschiffs … Der durch einen zierlich gearbeiteten Lettner abgetrennte Stiftschor endet wie die beiden Nebenchöre in einem 5/8 Abschluss, der im Gegensatz zu den außen flachen Seitenchören jedoch auch am Außenbau polygonal bleibt“ (Klosterführer Rheinland, S. 184). Der mächtige Westturm wurde in das Langhaus eingezogen. Schlanke, dreibahnige und 18,50 m hohe Maßwerkfenster. Am Obergaden setzt sich die Fensterreihe in regelmäßiger Abfolge bis in die heute vermauerten Fenster des Turmes fort.

Erstmals in den Jahren 1213 und 1219 wird eine Marienkirche in Oberwesel urkundlich mit ihrem Pleban Peter erwähnt, 1219 erscheint außerdem noch ein Kaplan Heinrich. Über die Anfänge dieser Kirche ist ansonsten nichts bekannt.

1308 wurde mit einem Neubau begonnen, dessen Hochaltar im Jahre 1331 wahrscheinlich durch Erzbischof Balduin von Trier geweiht wurde. Der gesamte Bau war zu diesem Zeitpunkt freilich noch nicht fertiggestellt. Der westliche Abschluss dürfte erst in der zweiten Jahrhunderthälfte vollendet worden sein, einer der Balken des oberen Westturms lässt sich auf das Jahr 1351 datieren. (ebd.). Die Kirche, ein verputzter, rot gestrichener Bruchsteinbau („rote Kirche“) gilt als eine der bedeutendsten hochgotischen Kirchen im Rheinland.

0.1.2.Stiftsgebäude

Über Aussehen und Gliederung des Stiftsbereiches vor 1800 gibt es keine Beschreibung oder bildliche Darstellung. Der Kreuzgang dürfte im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts entstanden sein, ob er aber jemals ganz vollendet wurde, weiß man nicht. Nachrichten über einen Abbruch zu Beginn des 19. Jahrhunderts liegen jedenfalls nicht vor. Das Kapitelhaus, an dem in den Jahren 1460 und 1461 gearbeitet wurde, lag im ersten Stock über einem Durchgang an der Westseite des südlichen Seitenschiffs; man konnte es über eine Wendeltreppe im Turm erreichen

0.1.3.Kapellen innerhalb und außerhalb der Anlage

Südlich neben dem Kapitelhaus stand die zweigeschossige Michaelskapelle wahrscheinlich aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Ihr Untergeschoss diente wohl als Beinhaus.

0.2.Materielle Kulturgeschichte, Bauausstattung

Liebfrauenkirche - Ostansicht Lettner[Bild: Michael Imhof Verlag]

Die Liebfrauenkirche verfügt über eine äußerst reiche Ausstattung. Der vielleicht erst um 1350 entstandene Lettner, der den Chor gegen das Mittelschiff abschließt, ist als steinerne Laube gestaltet. Sieben gegliederte Gewölbejoche mit Maßwerk werden von schlanken Säulen getragen, die vier Evangelisten stehen auf reich verzierten Konsolen.

 

 

 

0.2.1.Altäre, Grabmäler, weitere Ausstattungsgegenstände

Liebfrauenkirche - Goldaltar[Bild: Michael Imhof]

Berühmt ist der aus Eichenholz geschnitzte, 1331 geweihte Hochaltar, der auch als „Goldaltar“ bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um einen 2,45 Meter hohen und geöffnet 6, 50 Meter breiten Altarschrein, der in seiner Form an die Fassade einer gotischen Kathedrale erinnert. In einem Zyklus von 28 in zwei Reihen übereinander vor Goldgrund stehender und farblich gefasster Figuren zeigt er die Heilsgeschichte vom Sündenfall bis zur Krönung Mariens. Diese Figuren wurden 1975 gestohlen, doch tauchten in der Folgezeit die meisten von ihnen wieder auf. Die letzten vier noch fehlenden Figuren wurden an Ostern 2009 durch von Wilhelm Senoner angefertigte Kopien ersetzt, so dass der Goldaltar heute wieder vollständig ist (frdl. Auskunft Kath. Pfarramt Liebfrauen und St. Martin / Oberwesel).

Im südlichen Seitenchor der 1503 gestiftete Martha-Altar. Sein Hauptbild zeigt Christus mit den Aposteln zu Gast bei Maria und Martha vor einer Oberweseler Landschaft, wo man auch den Turm der Liebfrauenkirche erkennen kann.

Liebfrauenkirche - Nikolausaltar[Bild: Michael Imhof]

Im nördlichen Seitenchor der 1506 gestiftete Nikolaus-Altar, auf dessen Hauptbild Szenen aus dem Leben des heiligen Nikolaus dargestellt werden.

Der heute im südlichen Seitenchor stehende Taufstein weist mit seinen romanischen Formen auf eine Entstehung in der Erbauungszeit der Kirche.

 

 

 

0.2.2.Kreuze und Skulpturen

Epitaph Peter Luttern - Detail[Bild: Heinz Straeter]

Grablegungsgruppe und Sakramentshaus aus dem 14. Jahrhundert. In einer Nische des südlichen Seitenschiffs eine thronende Madonna von 1340. Skulpturen aus dem Umkreis des Mainzer Bildhauers Hans Backoffen. Das Epitaph des Kanonikers Petrus Lutern († 1515) könnte von Backoffen stammen, das Doppelgrabmal für Ludwig von Ottenstein und seine Frau († 1520) ist sicherlich das Werk des Mainzer Bildhauers Peter Schro, das Votivrelief für Valentin Schonagel wiederum stammt vielleicht vom Koblenzer Jakob Kerre, der ebenfalls aus der Schule Hans Backoffens stammt und hauptsächlich im Bistum Trier tätig war. (Klosterführer Rheinland, S. 185.)

0.2.3.Grabstätten, Grabmäler

Siehe hierzu Pauly S. 270-272 sowie Sabrina Müller (Bearb.), Die Inschriften der katholischen Pfarrkirche Unserer Lieben Frau in Oberwesel (=Inschriften Mittelrhein-Hunsrück, Heft 1). Hrsg. von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz und dem Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V. Mainz 2008.

0.2.4.Orgeln

Liebfrauenkirche - Innenraum mit Orgel[Bild: Horst Goebel]

Schon 1410 ist in der Liebfrauenkirche eine Orgel nachweisbar, die 1461 durch ein neues Instrument von Meister Peter ersetzt wurde. 1505/06 wird sie von Meister Antonius um ein Rückpositiv erweitert. Die heutige Barockorgel wurde 1740 – 1744 durch den Schlesier Franz Joseph Eberhardt gebaut. Nach einem Umbau 1875 und einer Reparatur 1899 wurde sie 1936 durch die Firma Klais in Bonn um ein Schwellwerk erweitert und 1980 durch diese Firma renoviert. Sie verfügt über 54 Register mit 3500 Pfeifen, verteilt auf drei Werke und Pedal.

1972 wurde durch die Firma Alfred Führer (Wilhelmshaven) eine Lettner–Orgel gebaut.

(nach Christian Binz, Bacharach).

0.2.5.Glocken

Bei einer Bestandsaufnahme 1917 wurden fünf Glocken aus der Mitte des 14. und vom beginnenden 15. Jahrhundert verzeichnet.

0.2.6.Kirchenfenster

Die gotische Verglasung des 14. Jahrhunderts hat sich im Maßwerk der Obergaden und des Chores erhalten. Die Verglasung in den Langbahnen der Obergaden stammt aus barocker Zeit.

0.2.7.Gemälde, Wandmalereien, sonstige Ausstattung

Liebfrauenkirche - Deckenansicht Apsis[Bild: Horst Goebel]

Erhalten sind 25 mittelalterliche Wandbilder. An den Mittelschiffspfeilern ungefähr lebensgroß dargestellte Heiligenbilder, hauptsächlich aus dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts; darunter der hl. Kastor mit dem Modell seiner Koblenzer Kirche und dem Stadtbild im Hintergrund; der hl. Martin mit der Oberweseler Martinskirche, der hl. Goar mit seiner Kirche sowie die hl. Ursula mit dem Kölner Stadtbild.

0.2.8.Inschriften

Die Inschriften der Kirche sind in einer Broschüre gesammelt. Sie kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Empfohlene Zitierweise

Schmid, Reinhard: Oberwesel - Stift Liebfrauen. Bau- und Kunstgeschichte. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/mittelrhein-lahn-taunus/oberwesel-stift-liebfrauen/bau-und-kunstgeschichte.html> (Letzter Aufruf: 16.09.19)