Geschichtlicher Abriss

Kloster- bzw. Stiftsgeschichte

Stadtansicht 1646 - Kupferstich Mathäus Merian d.Ä.

Erstmals erwähnt wird die Liebfrauenkirche in einer Urkunde des Burggrafen Otto von Schönburg vom Jahr 1213. Wie die Nennung eines Plebans Peter hier beweist, war sie zu diesem Zeitpunkt schon Pfarrkirche. Mit einer am 26. Dezember 1258 ausgestellten Urkunde wurde an der Kirche durch den Trierer Erzbischof Arnold II. von Isenburg ein Kollegiatstift mit einem Dekan und sechs Kanonikern errichtet. Diese sollten gemeinsam zur Ausübung der Seelsorge im Pfarrbezirk verpflichtet sein. Vikare werden in der Stiftungsurkunde nicht genannt; die erstmalige Erwähnung von 5 Vikaren im Jahre 1299 ist möglicherweise im Zusammenhang mit einem raschen Aufblühen des Stifts zu sehen. Mit der Schaffung der neuen Ämter des Kustos, des Kantors und des Scholasters in den Statuten von 1339 erhöhte Erzbischof Balduin von Trier die Reputation des Stifts, vergrößerte aber auch gleichzeitig seinen Einfluss. Zur Dotation der drei neugeschaffenen Ämter sollten die Einkünfte von zwei Vikarien nach dem Tod ihrer Inhaber verwendet werden.

Ansicht von Oberwesel[Bild: Heinz Straeter]
Nordostansicht der Liebfrauenkirche in Oberwesel[Bild: Michael Imhof Verlag]

Ende des 14., Anfang des 15. Jahrhunderts scheint die Stiftsdisziplin stark nachgelassen zu haben. In Visitationen werden häufige Abwesenheit und unwürdiges Benehmen sowie eine Vernachlässigung der Vermögensverwaltung bemängelt. Angehörige des Kapitels würden Wirtshäuser besuchen und das Würfelspiel lieben, Handelsgeschäfte bis zum Wucher hin betreiben, sogar im Verdacht des Konkubinats leben oder weltliche Kleidung unter dem Mantel tragen. Gravierende Strafandrohungen des Trierer Erzbischofs Otto von Ziegenhain (1418 – 1430), die über Fasten bei Wasser und Brot bis zur Einkerkerung reichten, zeigten zumindest hinsichtlich der Vermögensverwaltung ihre Wirkung, da diese in der Folgezeit vorbildlich geführt wurde.

Liebfrauenkirche - Detail Lettners[Bild: Michael Imhof Verlag]

Wohl im Zusammenhang der Reformation gab es neue Missstände. Um 1550 heißt es, dass von sechs Kanonikern fünf keine Residenz halten und von zwanzig Vikarien nur fünf mit residierenden Vikaren besetzt sind. Entsprechend schlecht waren auch die wirtschaftlichen Verhältnisse, genau wie in dem anderen Oberweseler Stift St. Martin oder in St. Severus in Boppard.

Von dem Trierer Erzbischof Jakob von Eltz am 9. April 1576 daraufhin erlassene Reformstatuten brachten grundlegende Veränderungen in der Verfassung und wirtschaftlichen Ordnung des Stifts. Die Zahl der Kanoniker wurde von sechs auf vier reduziert. Die 1339 eingeführtem Ämter des Scholasters und des Kantors entfielen, das Amt des Kustos ging in dem des Dekans auf, der nun allein die Verantwortung für die Seelsorge im Pfarrbezirk hatte.

Empfohlene Zitierweise

Schmid, Reinhard: Oberwesel - Stift Liebfrauen. Geschichtlicher Abriss. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/mittelrhein-lahn-taunus/oberwesel-stift-liebfrauen/geschichtlicher-abriss.html> (Letzter Aufruf: 18.11.19)