Allgemeine Geschichte

Bereits 1599 gab es Überlegungen, Kapuziner für die Katholische Reform ins Erzbistum zu berufen, doch blieb es zunächst bei Erwägungen. Erst Erzbischof Johann Schweikard von Cronberg (1604-1626) nahm am 16.5.1608 mit dem Generalvikar des Ordens, P. Hieronymus von Castro-Feretti, Kontakt auf und bat um Gründung eines Konventes in Mainz. Er bat um die Entsendung von 4-5 Mitgliedern deutscher Abstammung. Wenigstens drei von ihnen sollten Patres, also Priester, sein. Durch die Forderung nach deutscher Abstammung erhoffte sich der Erzbischof eine leichtere Integration (Mentalität, Klima) und einen einfacheren Zugang zu den Gläubigen. Johann Schweikard von Cronberg hatte den Orden, so J. Pfeifer, wahrscheinlich in Bayern und der Schweiz kennen und schätzen gelernt. Hintergrund für die Berufung des Ordens war nicht zuletzt seine Wahlkapitulation, durch die er sich verpflichtet hatte, die Rekatholisierung des Erzstiftes voranzutreiben. Von seinen Vorgängern begonnene Maßnahmen führte er fort, wobei er „ganz auf dem Boden des Reformkonzils“[Anm. 1]von Trient (1545/63) stand. Hilfe versprach er sich bei dieser Aufgabe nicht zuletzt von den Orden, da an der Wende des 16. zum 17. Jh. im Erzbistum Mainz Priestermangel herrschte. Zudem hatte sich – auch schon unter den Vorgängern Schweikards von Kronberg - das Mainzer Domkapitel bezüglich der Reform des Klerus wenig kooperativ gezeigt. Behauptungen, das Kapitel habe sich dem Projekt des Kurfürsten widersetzt, konnte A.Jacobs allerdings nicht verifizieren[Anm. 2].
Der Erzbischof wollte mit den Kapuzinern einen weiteren Seelsorgeorden in seiner Bischofsstadt etablieren. Er bat um die Entsendung von vier bis fünf deutschsprechenden Ordensmitgliedern und versprach, für den Lebensunterhalt des Ordens zu sorgen und eine Unterkunft bereitzustellen. In der Forschung ist es fraglich, ob das Schreiben überhaupt abgesandt wurde. In der Festschrift (1901) wird bereits die Frage gestellt, ob das Schreiben überhaupt seinen Adressaten erreicht habe. Wahrscheinlich sei dies nicht der Fall gewesen oder der Orden habe keine Mitglieder zur Verfügung stellen können: eine Antwort sei jedenfalls nicht erfolgt. E.Moßmaier (1953) geht davon aus, dass das Schreiben wahrscheinlich gar nicht abgeschickt worden sei, wohingegen A.Jacobs (1933) von einer Versendung ausgeht. A.Jacobs weist im Zusammenhang mit der Anfrage des Mainzer Erzbischofs auf ein „pridie Nonis Octobis 1608“ (= 6.10.1608) datiertes Schreiben hin, in dem davon die Rede gewesen sei, dass nicht genug Ordensmitglieder zur Verfügung stünden, die der deutschen Sprache mächtig seien[Anm. 3]. Dem Orden stand damals allerdings auch nicht die hinreichende Zahl von Mitgliedern zur Verfügung.
In Reichsangelegenheiten begab sich Kurfürst Johann Schweikard von Cronberg  1610 nach Prag, wo bereits ein Kapuzinerkonvent bestand, der von Laurentius von Brindisi  (1559-1617) gegründet worden war.
Ein weiterer Vorstoß des Erzbischofs datiert vom 16.7.1610. A.Jacobs spricht in diesem Zusammenhang von einer (zweiten) Anfrage, die an Papst Paul V. (1605/1621), gerichtet worden sei [Anm. 4], wohingegen E.Moßmaier von einem Schreiben des Erzbischofs an den Ordensgeneralvikar ausgeht und dass „wohl gleichzeitig auch an den Papst“ (Moßmaier, S. 18) ein Schreiben abgegangen sei. Er vermutet einen Einfluss v. Brindisis, aber L.Lehmann weist für diesen Zeitraum keinen Aufenthalt v. Brindisis in Prag nach. J.Pfeifer geht hingegen von einer in Prag gemachten Bekanntschaft des Erzbischofs mit Laurentius von Brindisi aus.
Der Papst leitete das Schreiben weiter. Am 22.8.1610 erteilte der Ordensgeneral dem Erzbischof die Zustimmung des Ordens sowie des Papstes zur Gründung der Niederlassung. Der Guardian des Klosters Douai, der Ire P. Franz Nugent (+ 17.5.1635) sollte sich mit Mitgliedern der flandrischen Provinz nach Mainz begeben. A.Jacobs sieht einen Grund für die Wahl Nugents darin, dass die engen Beziehungen zwischen den Niederlanden und den Rheinlanden zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgerissen gewesen seien, auch wäre es nicht unproblematisch gewesen, hätte man deutsche Patres mit den Aufgaben der katholischen Reform in Deutschland betraut.
Die Reise der für die Mainzer Niederlassung vorgesehenen beiden Ordensleute (P.Gregor von Amersfoort und P.Bonaventura von Würzburg) wurde jedoch abgebrochen. In Luxemburg erfuhren sie, dass der Mainzer Erzbischof und Kurfürst sich nach wie vor in Prag aufhalte: Die (kirchen)politische Lage war angespannt: Zu groß erschien daher die Gefahr bei der Durchquerung protestantischer Landstriche an der Mosel, im Hunsrück und an der Nahe.
Am 16.11.1610 wandte sich der Erzbischof, der sich nach seiner Rückkehr aus Prag in Aschaffenburg aufhielt, an den Generalvikar des Ordens. Es wurde, nicht zuletzt auch im Hinblick auf den bevorstehenden Winter, der das reisen erschwerte, beschlossen, die Gründung der Niederlassung auf 1611 zu verschieben. Nach E.Moßmaier ging das Schreiben verloren.
Der Generalkommissar des Ordens richtete am 6.1.1611, 25.1.1611 und schließlich 7.3.1611 Briefe an den Erzbischof, in denen er seine Bereitschaft zur Gründung einer Niederlassung in Mainz bekräftigte.
Am 26.2.1611 wandte sich der Mainzer Erzbischof an P. Franz Nugent, der sich in seiner Antwort (19.3.1611) hinsichtlich der Verwirklichung des Planes zur Gründung einer Niederlassung in Mainz optimistisch zeigte. Beim Kapitel der Flandrischen Provinz brachte Nugent die Angelegenheit zur Sprache. Geplant war, Mainz zum Zentrum einer neu zu gründenden Ordensprovinz zu machen. Vier Ordenspriester und drei Laienbrüder wurden für die zu gründende Mainzer Niederlassung benannt. Die Literatur nennt Konstatin von Barbancon, Sigismund von Dinant, Bonaventura von Würzburg, Frater Georg von Irland und die Laienbrüder Alardus von Artois, Basilius von Acri und Hugolinus von Speyer.
Aber auch jetzt konnte der Plan, den Orden in Mainz ansässig zu machen, nicht umgesetzt werden. Es entstand nun zunächst als erste Niederlassung am Rhein ein Kapuzinerkloster in Köln.
Eine Reihe von Jahren ruhte das Projekt, eine Niederlassung in Mainz zu gründen.
Inzwischen setzte Schweikard von Kronberg seine Reformbestrebungen im Erzbistum Mainz weiter fort; ein wichtiger Meilenstein war dabei die „Ernewerte(n) und mehrerklärte(n) Reformation und Ordnung…“ (1615).
1617 teilte der Generalkommissar des Ordens, P.Asenius dem Mainzer Erzbischof mit, dass er ihm wieder Mitglieder zur Gründung einer Ordensniederlassung zur Verfügung stellen könne. Der Erzbischof beauftragte am 23.11.1617 das Erzbischöfliche Vikariat, die Angelegenheit zu behandeln. Es sei die Frage zu klären, ob nicht die Ansiedlung einer weiteren Ordensgemeinschaft eine Belastung der Bürgerschaft darstelle. Seitens des Ordens wurden die näheren Besprechungen durch den Superior des Kapuzinerklosters Waghäusel, P. Michael von Innsbruck, geführt.
1618 konnte der Plan, die Kapuziner nach Mainz zu holen, endlich verwirklicht werden. Nuntius Albergati berichtete am 4.2.1618 in einem Schreiben an Kardinal Borghese von der Neugründung in Mainz.  Die Kapuziner wurden mit umfangreichen Vollmachten ausgestattet[Anm. 5].
Erster Präses der neuen Niederlassung wurde Konstantin von Barbançon (Hennegau). Er hatte bereits 1611 zu den Ordenspriestern gehört, die für die Mainzer Niederlassung vorgesehen waren. Der Konvent wurde nicht zuletzt auch wegen der geographisch günstigen Lage ein wichtiger Standort innerhalb der sich formierenden Ordensprovinz.
1626 gehörte die Niederlassung zur Kölner Provinz.
Schon 1629 tagte im Mainzer Konvent das Provinzkapitel des Ordens.

Am 23.12.1631 drangen schwedische Truppen nach Mainz vor. Der Erzbischof hatte zur Kapitulation geraten, da die militärische Lage aussichtslos war. König Gustav Adolf (1611/1632) hielt feierlichen Einzug in die Stadt, wo er sich bis zum Frühjahr 1632 aufhielt. Ein lutherischer Dankgottesdienst wurde zelebriert. Der Huldigungseid wurde auch von den Geistlichen gefordert und war Bedingung für eine weitere Duldung in Mainz.
In der Stadt blieben, so E.Moßmaier, außer den Kapuzinern noch Mitglieder des Franziskanerordens und des Jesuitenordens. A.Jacobs verweist darauf, dass die Franziskaner und Jesuiten den Eid nicht geleistet hätten und daher aus Mainz ausgewiesen worden seien. Da die Kapuziner weiterhin in Mainz wirken durften, schließt A.Jacobs nicht aus, dass sie den geforderten Treueid geleistet hatten. Er stützt sich dabei auf eine Anfrage des P.Lukas aus Maring (+ 16.2.1672) , der nach E.Moßmaier seit 1627 in Mainz tätig war, an Gelehrte in Paris, die in der damaligen Situation den Eid als erlaubt angesehen hätten. E.Moßmaier zählt Lukas von Maring zu den führenden Köpfen der Provinz. Er versah die Ämter eines Novizenmeisters, Guardians, Definitors und stand viermal als Provinzial der Provinz vor (1641/44; 1646/49; 1652/55; 1658/61). Von 1667-1670 war er Generaldefinitor. Weiter bezeichnet Moßmaier ihn als ersten Missionspräfekten.
Ende Dezember 1631 wurden die Bibliotheken der leerstehenden Klöster, Privathäuser und des Schlosses konfisziert und nach Schweden abtransportiert. Den Kapuzinern gelang es nach den Angaben der Festschrift (1901) und E.Moßmaier, einen Großteil der aus der Dombibliothek stammenden Bücher zu retten.
Nach dem Tod Gustav Adolphs wurde der Huldigungseid auf seine ihm nachfolgende Tochter Christina verlangt. Die Geistlichen, die noch in der Stadt geblieben waren, verweigerten diesen Eid, worauf sie aus der Stadt ausgewiesen wurden. Die 1901 erschienene Festschrift verweist auf eine am 25.6.1633 ausgesprochene Drohung mit Ausweisung.
Aus Frankfurt begaben sich am 23.6.1633, so A.Jacobs, die durch schwedische Miliz vertriebenen 18 Mitglieder des Konventes nach Mainz.
Der in der Stadt eingeführte lutherische Gottesdienst war, so R.Decot, wohl zunächst nur für das Militär, später auch für die im schwedischen Dienst stehenden Beamten und Neubürger. Ab Ostern 1632 fand in der Schlosskirche regelmäßig eine evangelische Predigt statt. Im Winter 1632/33 war die Schlosskirche Militärkirche, wohingegen die lutherische Zivilbevölkerung ihren Gottesdienst in der Jesuitenkirche abhielt. Berichte über evangelische Predigten im Dom bezeichnet R.Decot als widersprüchlich. In Mainz kam es nur zu wenigen Konversionen zu lutherischen Glauben.
Am 9.1.1636 zog die schwedische Besatzung ab.

Im Jahr 1664 wurde durch den Ordensgeneral bei der Visitation der Rheinischen Provinz ihre vorläufige Trennung vorgenommen. Die obere Kustodie (Mainz /Trier) wurde P. Lukas aus Maring als Generalkommissar/Generalvisitator unterstellt, der die Befugnisse eines Provinzials erhielt. Papst Alexander VII. (1655/1667) stimmte der Trennung allerdings nicht zu, so dass sie rückgängig gemacht werden musste. Papst Clemens IX. (1667/1669) gestattete am 7.9.1667 eine Trennung der Proviz. Eine erneute Visitation der Provinz fand ab 13.7.1668 statt. Am 30.8.1668 erfolgte die Trennung in die Provincia Colonia mit Sitz in Köln und die Provincia Rhenana, deren Sitz Mainz wurde. Grenze war die Grenze zwischen Kurköln und Kurtrier.
Die Bedeutung des Konventes nahm zu. 1686 wurde die Provinz in drei Kustodien gegliedert (Trier, Mainz, Pfalz). Zur Kustodie Mainz gehörten nach Moßmaier die Niederlassungen in Nothgottes/Rheingau, Aschaffenburg, Engelberg, Bensheim, Walldürn, Bingen, Lohr, Königstein, Dieburg, Alzey und Wertheim. Der Mainzer Kustos trug den Titel custos custodum. Im Jahr 1675 tagte wiederum das Provinzkapitel in Mainz.
Die zunehmend ordenskritische, ja ordensfeindliche Stimmung im letzten Viertel des 18.Jhs. ging auch an der Kapuzinerniederlassung nicht spurlos vorbei. So wurde 1774 „auf Betreiben gewisser einflussreicher Persönlichkeiten“[Anm. 6]eine Visitation durchgeführt. Die angeblichen Missstände, die zu ihrer Anordnung geführt hatten, konnten allerdings nach J.Kartels nicht festgestellt werden. Das Domkapitel zeigte sich laut J.Kartels demonstrativ solidarisch mit den Kapuzinern.
Ende des 18.Jhs. zeichnete sich immer stärker die bedrohte Lage des Kloster ab; 1797 verbrachte man das Provinzarchiv nach Aschaffenburg.
Durch Konsularbeschluss vom 20.Priarial X (9.6.1802) wurde das Kapuzinerkloster am 4.7.1802 aufgehoben. Die Tradition der Mainzer Niederlassung wurde für ein halbes Jahrhundert unterbrochen.

Anmerkungen:

  1. Decot, Erneuerung, S.165 Zurück
  2. Jacobs, S. 16 Zurück
  3. Jacobs, S.14,  Anm. 7 Zurück
  4. Jacobs, S. 14 Zurück
  5. Vgl. Pfeifer, S. 221 Zurück
  6. Kartels, Beziehungen, S. 316 Zurück

Empfohlene Zitierweise

Martina Rommel: Mainz - Kapuziner. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/rheinhessen/mainz-kapuziner.html> (Letzter Aufruf: 14.12.18)