Tochtergründungen

Von Mainz gingen, so E.Moßmaier, folgende Gründungen von „Missionsstationen“ aus: Ladenburg (1624), Königstein (1646) und Frankfurt (1723 Wiederzulassung).

Geistliche Tätigkeit und Spirituelle Ausstrahlung

Die Kapuziner lebten „zurückgezogen, aber nicht weltabgeschieden“ (Jendorf, S. 438). A.Jendorf charakterisiert den Orden als „Bindeglied zwischen den mittelalterlichen monastischen Gemeinschaften und dem frühneuzeitlichen, der Welt zugewandten Jesuitenorden“[Anm. 1].
Eine dauerhafte Pfarrtätigkeit übte der Orden nur im Notfall aus[Anm. 2]. In der Pfarrei St.Ignaz, auf deren Territorium das Kloster lag und in der man dem Orden mit Wohlwollen begegnete, leisteten die Patres Aushilfe sowie regelmäßige Sonntagsmessen in den Jahren 1706-1721. Zwischen 1706 und 1775 wurde dort durch Kapuziner auch die 10.00 Uhr-Messe gefeiert. Der der Aufklärung nahstehende Pfarrer Ernst Xaver Turin (21.1.1739 Erfurt–2.8.1810 Mainz, Pfarrer an St.Ignaz 1772-1803, erneut 1806-1810) übertrug die gottesdienstliche Feier dann den Augustinerpatres.
In den Jahren des Neubaus der St.Ignazkirche stand der Pfarrei die Klosterkirche für die Feier der Gottesdienste zur Verfügung.
Ebenso leisteten die Mönche Aushilfe in Orten im näheren und weiteren Umfeld der Stadt, meist jenen, an denen sie auch das Recht besaßen, zu kollektieren.
In der Kapuzinerkirche fanden, wie auch an anderen Klöstern, Eheschließungen statt. Bei den Brautpaaren handelte es sich um solche, die durch ihre Gemeindepfarrer die dazu erforderliche Dimission erhalten hatten. Es existierte sogar ein eigenes Kirchenbuch, das allerdings 1793 verlorenging, was in einem danach angelegten Register eigens vermerkt wurde. Bis 1798 wurden 31 Trauungen verzeichnet. In vielen Fällen handelte es sich um Brautpaare, die aus verschiedenen Gründen, etwa einer pränuptialen Konzeption, nicht in ihren Pfarrgemeinden getraut werden wollten.
Schwerpunkt des pastoralen Wirkens des Ordens war die Predigttätigkeit. An Sonn-und Feiertagen fand in der Kirche um 10.00 Uhr eine Predigt statt. In der Fastenzeit (österliche Bußzeit) und im Advent fanden auch an Werktagen Predigten statt. In St.Ignaz hielten Kapuziner eine regelmäßige Sonntagspredigt in den Jahren 1706-1721.
Mit ihren stark an der Schrift orientieren Predigten und ihrer anschaulichen Predigtweise galten die Patres als typische „Volksprediger". Die Kapuziner gehörten in der Zeit, in der Mainz durch schwedische Truppen besetzt war (1631-1635), neben den Dominikanern zu den katholischen Predigern im Dom. Überliefert ist auch ihre Tätigkeit in der Stiftskirche des Liebfrauenstiftes, wo ab 1621 an Sonntagen und Marienfesten von Kapuzinern  Nachmittagspredigten gehalten wurden.
Für die Epoche 1636-1802 werden auch Montagspredigten nach den adventlichen Rorateämtern erwähnt. Die Predigttätigkeit fand ihren Ausdruck in besonderem Maße in den Volksmissionen. Eine Armseelenpredigt wurde 1705 durch Kaufmann Monforcht gestiftet.
Ab dem 17.Jh. waren Mitglieder des Ordens oftmals auch als Domprediger tätig (sonntägliche Frühpredigt, Predigten an den Mittwochen der Fastenzeit). J.Kartels erwähnt ein jährliches vom Domkapitel den Kapuzinern zugewiesenes „Almosen“ für die Predigttätigkeit; 1760 habe es in fünf Ohm Wein bestanden[Anm. 3].
Namentlich nennt Kartels als Domprediger Benignus von Lohr zur Zeit von Erzbischof Anselm Franz v. Ingelheim (1679/1695), Liberius von Presberg unter Philipp Karl von Eltz (1732/1743) sowie (seit 1754) Malachias von Schönthal.
Für das Jahr 1740 erwähnt ist, dass an St.Gangolf ein Kapuziner die Predigerstelle innehatte.

Herangezogen wurden die Ordensleute auch als Fest- und Hofprediger. Als Hofprediger genannt wird etwa 1729 P.Bonifatius von Rüdesheim. Ab 1779 wurden vor dem Hintergrund der zunehmend ordenskritischen Haltung Weltgeistliche zu Hofpredigern berufen.
Ein weiteres Wirkungsfeld waren Jugendunterricht und Katechese.
Der von Martin von Cochem (1634-1712), 1682-1685 Visitator im Erzbistum Mainz, verfasste Katechismus war nach A.Jakobs offiziell im Erzbistum Mainz eingeführt, wo er bis 1715 in Gebrauch gewesen sei. Besondere Aufmerksamkeit widmete der Orden der Spendung des Bußsakramentes; so waren Kapuziner auch Beichtväter bei Domkapitularen oder etwa den Erbischöfen Anselm Franz von Ingelheim und Philipp Karl von Eltz. Moßmaier verweist darauf, dass in der Klosterkirche sieben Beichtstühle gestanden hatten.
A.Jacobs verweist auf die feierliche Konversion des Grafen Ludwig Eberhard von Leiningen-Westerburg, der den Orden in Speyer kennen gelernt hatte, am 18.4.1673 in der Loretokapelle.

Pastoral tätig waren die Kapuziner vor allem in der Landseelsorge. Auch hier steht die pastorale Tätigkeit wieder im Zusammenhang mit dem vor allem ab den 30-er Jahren des 17.Jhs. spürbar werdenden Priestermangel. 1668 betreute der Mainzer Konvent 24 Pfarreien.
Um die Mitte des 18.Jhs. war der Kapuzinerorden nach Moßmaier in 70 Pfarreien des Erzbistums tätig[Anm. 4]. Innerhalb der Stadt Mainz leisteten die Patres vor allem in der in unmittelbarer Nachbarschaft liegenden Pfarrkirche St.Ignaz Aushilfe oder versahen während Vakanzen die Pfarrei.
Dazu trat die Seelsorge in Mainzer Frauenklöstern. In der Literatur genannt finden sich als Wirkungsorte der Mainzer Kapuziner die Klöster Altmünster und Maria Dalheim (Zisterzienserinnen), Weißfrauen und Magdalenerinnen. An den Quatembersamstagen waren Kapuziner zudem in den Klöstern Armklara und St.Agnes als Beichtväter tätig.
Ein weiteres Tätigkeitsfeld der Kapuziner lag in der Pflege der sakramentalen Frömmigkeit.
Die barocke Frömmigkeit war charakterisiert durch eine Vielzahl kirchlicher Feiertagen, Andachten und anderer Frömmigkeitsübungen. Der Orden war vor allem durch die marianische Frömmigkeit geprägt. An Samstagen und den Marienfesten fanden entsprechende Andachten statt.

Gefördert wurde durch den Orden das Wallfahrtswesen. A.Jacobs erwähnt in seiner Untersuchung, dass der Kapuziner P.Benignus aus Elbing 1647 dem Mainzer Kurfürsten die Wallfahrt zum Hl.Kreuz in Mainz empfohlen habe. Auch die Wallfahrten nach Nothgottes und Walldürn erfuhren durch die Kapuziner eine Förderung.
Mit dem Bau der Loreto-Kapelle beim Kloster dürfte das im 17.Jh. in Mainz aufkommenden Beten der von Loreto ausgegangenen Lauretanischen Litanei im Zusammenhang stehen. Die Kapuziner waren die Hüter der casa santa in Loreto.
Im 17.Jh. nahm die Verehrung des hl. Antonius v. Padua (+1231), dem der Dienstag gewidmet war, zu. 1674 stellten die Mainzer Kapuziner eines der gebräuchlichen Andachtsbücher zusammen, das „Antonianisch Lilien-Bündlein.“. Ebenfalls große Verehrung genoss Seraphin von Montegranaro, der am 16.7.1767 heiliggesprochen wurde.

An der Kapuzinerkirche bestanden die „Bruderschaft zum Trost der Verstorbenen und zum Seelenheil der Lebenden“ und die „Bruderschaft zum Troste der armen Seelen im Fegfeuer“. Ihr Anliegen war das Gebet für die Verstorbenen und die Erlangung von Ablässen, die die Gläubigen den Verstorbenen zuwandten. Die „All-Monatliche Andacht zum Trost deren Armen Seelen“ fand jeden vierten Sonntag um 16.30 Uhr statt. Man verehrte dabei die Wunden Jesu. Eine Besonderheit war, dass nicht nur die üblichen Fünf Wunden Gegenstand der Verehrung waren, sondern daneben auch das dornengekrönte Haupt und die Schulter Jesu, auf der das Kreuz gelastet hatte, verehrt wurden.
In einer Stiftung des Mainzer Zollinspektors Gerhard Reider verbanden sich die durch den Orden geförderte marianische Frömmigkeit und die Armen-Seelen-Frömmigkeit: In der Oktav des Allerseelenfestes sollte in der Messe der Rosenkranz gebetet werden; nach der Elevation wurden Gebete für die Verstorbenen gesprochen.
Die „Bruderschaft zum Troste der armen Seelen“, auch als „Mariae-Seelen-Hülff“ bezeichnet, die auch an anderen Kapuzinerklöstern etabliert war, überdauerte die Aufhebung der Niederlassung des Ordens, denn noch in den Jahren 1841 und 1872 erfolgte eine (Neu)Auflage des Andachtsbüchleins.
Eine Suffragiengemeinschaft des Ordens bestand seit 1673 mit dem Liebfauenstift.
Seit 1709 wurden an den Ordensfesten, namentlich Gedenktagen der Ordensheiligen Ablässe gewährt.

Über das Bestehen des Dritten Ordens in Mainz liegen widersprüchliche Aussagen vor.

 

Anmerkungen:

  1. Jendorf, S. 438 Zurück
  2. Jacobs, S. 116 Zurück
  3. Vgl. Kartels, Beziehungen, S. 316 Zurück
  4. Vgl. Moßmaier, S.33-35 Zurück

Empfohlene Zitierweise

Martina Rommel: Mainz - Kapuziner. Tochtergründungen - Geistliche Tätigkeit - Spirituelle Ausstrahlung. In: Klöster und Stifte in Rheinland-Pfalz, URL: <http:⁄⁄www.klosterlexikon-rlp.de/rheinhessen/mainz-kapuziner/tochtergruendungen-geistliche-taetigkeit-spirituelle-ausstrahlung.html> (Letzter Aufruf: 23.09.19)